Rezensionen

Würger, Takis: Der Club

Debütromane sind immer ein Vanbanquespiel. Man weiß nicht, was man bekommt. Über den Autor ist wenig bekannt, der Stil aller Voraussicht nach noch nicht ausgereift und stellenweise sogar unbeholfen. Aber Debüts bieten auch die Chance, Autoren kennenzulernen, die in ihrer Ungestümtheit und ihrem Erzählwillen noch unverbraucht sind, deren Herangehensweise noch unverstellt ist. Takis Würger ist so einer und für mich bereits eine der Entdeckungen des noch jungen Jahres.


Der erste Satz
Im südlichen Niedersachsen liegt ein Wald, der Deister, darin stand ein Haus aus Sandstein, in dem früher der Förster gewohnt hatte und das durch eine Reihe von Zufällen und den Kredit einer Bank in den Besitz eines Ehepaares kam, das dort einzog, damit die Frau in Ruhe sterben konnte.

Selten genug sind gute Journalisten auch gute Schriftsteller. Insofern war ich ob der literarischen Qualität eher skeptisch als überzeugt, als ich las, dass ich da das Erstlingswerk eines freilich preisgekrönten Journalisten des SPIEGEL in der Hand hielt. Die Sorge war unbegründet. Würger lässt alles faktisch Berichtende beiseite und schreibt seinen Roman, wie man Prosa schreiben muss – offen, hintergründig und streckenweise poetisch.

Zur Erfolgsgeschichte von Der Club gehört, dass sich sein Autor so ungeheuer gut vermarkten lässt. Wie seine Romanfigur studierte Würger in Cambridge, verkehrte in elitären Gentlemen’s Clubs, boxte gegen Oxford und lernte die Schattenseiten der fast schon mystischen Kaderschmiede am Cam kennen. Das ist der Stoff, aus dem Aufhänger für Rezensionen gemacht sind. Ihm ist hoch anzurechnen, dass er diese Karte in seinem Roman nicht spielt. Fernab von jedem Elitedenken widmet sich Würger gefühlvoll seinem Protagonisten und zeichnet ihn als einen intelligenten, innerlich verletzten und sich selbst noch suchenden jungen Mann.

Die nahezu unbeschwerte Kindheit in der niedersächsischen Provinz hat für Hans ein jähes Ende, als nacheinander Vater und Mutter sterben. Seine nun einzige Bezugsperson ist eine Tante, die erst kürzlich in sein Leben trat und neben ihrem Lehrstuhl in Cambridge noch andere Sorgen in ihrem Leben hat, als einen Heranwachsenden bei sich aufzunehmen. Hans wird also ins Internat geschickt und merkt schnell, dass Geld – und wenn es nur das der Eltern ist – der innerlichen Haltung nicht immer förderlich ist. Er spürt, dass er nicht dazu gehört und verinnerlicht und kultiviert diese Rolle des Außenstehenden.

Mein Vater war gestorben, weil ich in Brandenburg boxen wollte. Meine Mutter war gestorben, weil ich Schnittlauch auf meinem Rührei essen wollte. Ich wartete ein paar Tage darauf, dass ich aufwachen würde aus diesem Albtraum, und als das nicht geschah, füllte mich eine Dunkelheit, die so stark war, dass ich mich wundere, wie ich sie überlebte.

Das alles reißt Würger auf nur knapp 40 Seiten an. Er skizziert, deutet an, lässt aus – und wirft Hans anschließend in seine eigentliche Story. Aus dem klassischen Bildungsroman wird ein Kriminalroman. Seine Tante holt ihn nach Cambridge und schleust ihn mit Hilfe einer Vertrauten, Charlotte, in den exklusiven Pitt Club ein. Man weiß wenig über diesen Club, über den Prinz Charles gesagt haben soll, er habe an einem Abend dort mehr gelernt als in drei Jahren am Trinity College. Takis Würger war/ist Mitglied im Pitt Club und vermischt Fakten mit Fiktion, indem er Hans eintauchen lässt in eine geheimbundähnliche Gesellschaft, um deren abscheuliche Initiationsriten aufzudecken.

Es passiert viel in diesem nicht allzu dicken Buch. Verschiedene Nebenplots werden aufgemacht – es geht um Liebe, Freundschaft, Verrat. Alles in allem die perfekte Vorlage für ein Drehbuch. Würgers Leistung besteht auch darin, dass Der Club mehr ist als bloß unterhaltsam. Er bettet die vordergründige Krimihandlung geschickt ein in einen gesellschaftlich größeren Rahmen und entlarvt die elitäre Kaste als ein Sammelsurium gelangweilter Snobs und verzogener Bürschchen, denen das Glück bei der Geburt hold war. Um dieses Panorama der Eitelkeiten entstehen zu lassen, zerlegt Würger seine Buchstruktur in verschiedene Versatzstücke, die addiert ein großes Ganzes ergeben. Jedes Kapitel wird von einer anderen Romanfigur in Ich-Form erzählt. Manche sind substantiell und länger (wie die von Hans und Charlotte), andere sehr kurz geraten und mit bestenfalls illustrierendem Charakter.

Der Ansatz ist gut gewählt, die erzählten Inhalte auch. Trotzdem wirken viele dieser Passagen bemüht und aufgesetzt. Würger schafft es nicht, mit den Personen auch den erzählerischen Ton zu variieren. Seine Sprache schaltet alle gleich und verhindert damit eine tiefere Auseinandersetzung mit seinen Charakteren. Letztendlich gewinnen so nur die Figuren an Profil, denen Würger mehr Aufmerksamkeit schenkt und die aus diesem Raum ihre Authentizität beziehen.

Ich setzte mich auf die Ringkante und legte mich mit dem Rücken auf die Matte. Ich dachte an den Schnitt in Charlottes Arm, schloss die Augen, schlief aus mir unerklärlichen Gründen ein und wachte erst auf, als die Scheinwerfer angingen. Ich habe später in manchen Situationen bemerkt, dass ich immer dann ruhig werde, wenn andere vor Nervosität durchdrehen. Ich schaute ins Licht und versuchte, die Lampen zu zählen, aber es war so grell, dass ich jedes Mal durcheinanderkam, wenn ich in der Mitte des Lichtbalkens anlangte. Ich war mir nicht sicher, aber ich glaubte, eine der Lampen war schwarz.

Der Club funktioniert dennoch, weil Würger eine richtig gute Geschichte auch richtig gut und ereignisreich erzählt. Er funktioniert aber auch, weil er dieser Geschichte mit Hans einen glaubwürdig unaufgeregten Charakter entgegensetzt. Seine unnahbare Art ist nicht nur ein gesetztes Adjektiv, sondern ergibt sich nachvollziehbar aus seiner Lebensgeschichte. Sein Sinnieren über Freundschaft und Wahrheit steht nicht zusammenhanglos da, sondern entspringt seiner inneren Zerrissenheit. Trotz des Erzähltempos, der Perspektivwechsel und des sich selbst tragenden Plots gelingt Würger gleich in seinem ersten Buch eine Figur, die die Bezeichnung Charakter verdient.

Was bleibt?

Würger bedient sich eines Settings, das beim Lesen wohlvertraute Bilder aufkommen lässt. Altehrwürdige Bibliotheken, gotische Innenhöfe, verschwiegene Clubs – das alles gehört zum westeuropäischen Bilderschatz und bedarf wenig Phantasie. Das liest sich zweifelsohne gut, aber sehr gut wird es erst durch eine vom Leben gezeichnete Figur wie Hans, der die vorherrschende Oberflächlichkeit als das entlarvt was sie ist – leer und arm.



Bibliographische Angaben

Würger, Takis: Der Club. Erstmals erschienen 2017.

Gebundene Ausgabe: Kein & Aber. 240 Seiten. ISBN 978-3-0369-5753-1.


Empfehlenswerte Rezensionen aus der Blogosphäre

Buchlotsin

Emerald Notes

Schon halb elf

  1. Eine schöne und differenzierte Kritik! Mir persönlich waren es auch etwas zu viele Klischees, bzw. nicht viel Neues, das Würger zu erzählen hatte. Unterhaltsam ist aber auf alle Fälle …

    • Aber es ist auch eine große Kunst, Altbekanntes neu zu inszenieren. Ich weiß nicht, ob „Der Club“ in ein paar Jahren noch große Leseerinnerungen bei mir weckt, blendend unterhalten habe ich mich dennoch gefühlt.

      Schön, dass ich mit meiner Sicht nicht allein da stehe!

  2. Pingback: Hörbuch-Rezension | Der Club von Takis Würger | Buchstabenträumerei – Buchblog

  3. Hallo Stefan,
    vielen Dank für deine Verlinkung, ich habe deine aufschlussreiche Rezension ebenfalls mit großem Interesse gelesen. Seltsamerweise wurde mir heute erst angezeigt, dass du mich verlinkt hast, daher melde ich mich so spät. 😉
    Viele Grüße!

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