Rezensionen

Williams, John: Butcher’s Crossing

„Stoner“ war vor einigen Jahren eine Sensation und in aller Munde, sein Autor John Williams eine wiederentdeckte Ikone der amerikanischen Literatur. Ich mag es kaum zugeben, aber bei mir wollte sich diese Begeisterung nicht so recht einstellen. Ich gebe dem vermieften Setting des Provinzcolleges die Schuld, denn „Butcher’s Crossing“ beweist mir, wie großartig Williams schreiben kann.


Der erste Satz
Die Kutsche von Ellsworth nach Butcher’s Crossing war eine umgebaute Dougherty, die Passagiere und kleinere Mengen Fracht befördern konnte.

Allerorts wird Butcher’s Crossing als Gegenstück, wenn nicht gar Umkehrung zu Williams bekannterem Werk Stoner gepriesen. Dort zieht es einen begabten jungen Mann von der elterlichen Farm im Nirgendwo raus in die Stadt, aufs College und in die wissenschaftliche Lehre. Hier nun die umgekehrte Entwicklungsgeschichte. Will Andrews hat genug vom akademischen Leben in Boston und macht sich auf eine existenzialistische Suche nach dem ursprünglichen, echten Leben, das er im Prärienest Butcher’s Crossing zu finden hofft. Dieser gegenläufige Ansatz lädt zum Vergleich ein. Doch man täte Butcher’s Crossing Unrecht, wenn man es nur in Relation zu Stoner liest. Um das Fazit gleich vorwegzunehmen – für mich schlägt es seinen berühmten Vorgänger um Längen.

Er spürte, wo immer er auch lebte und wo immer er hiernach auch leben mochte, er würde die Stadt mehr und mehr hinter sich lassen, um sich in die Wildnis zurückzuziehen. Er spürte, dass dies die zentrale Bedeutung war, die er seinem Leben abringen konnte, und ihm schien, als hätten ihn alle Ereignisse seiner Kindheit und Jugend unwissentlich zu diesem Augenblick geführt, da er sich hier sammelte, wie vor einer Flucht. Wieder blickte er über den Fluss. Auf dieser Seite liegt die Stadt, dachte er, auf jener die Wildnis; und auch wenn ich zurückkehren muss, wird selbst diese Rückkehr ein Schritt sein, mit dem ich sie verlasse, weiter und immer weiter.

Es ist 1870. Der ungebremste Optimismus des zwar immer noch wilden, aber zunehmend entromantisierten Westens ist vorbei. Der Bürgerkrieg hat das Land geteilt und unzählige Soldaten orientierungslos zurück ins Zivilleben entlassen. Industrialismus und Kapitalismus breiten sich von der Ostküste aus und bestimmen die neuen Spielregeln, nach denen noch längst nicht jeder zu spielen bereit ist. Miller ist ein Fossil der alten Zeit. Einer Zeit, in der Millionen Büffel den Westen durchzogen und Jäger wie Miller sich eine goldene Nase verdienten – wenn sie nicht gleich wieder alles für Alkohol und Frauen durchbrachten. Miller träumt von einer letzten großen Jagd in einer abgelegenen Schlucht Colorados und findet in Andrews einen willigen Financier. Dieser träumt nicht vom großen Geld, sondern von einem Emerson’schen Zurück zur Natur, einer Bewusstseinserweiterung, gar seiner Mannwerdung. Die Rollen sind klar verteilt – Miller ist der Anführer, Andrews der Lehrling. Begleitet werden sie von einem religiösen Alkoholiker und einem ewig nörgelnden Aufbegehrer. Alles in allem eine Zweckgemeinschaft, deren Sollbruchstellen im Angesicht des sie erwartenden Schicksals schnell offenbar werden.

Und das ist die Stärke dieses Buches. Mitzuerleben, wie die Natur jeden menschlichen Plan durchkreuzt. Dabei zu sein, wenn jeder Rest von Zivilisation dem allein noch zählendem Erhaltungstrieb geopfert wird. Man fühlt sich klein in diesem Buch und wird beim Lesen in der heimischen Komfortzone angesichts der unendlichen Leiden in der Wildnis zunehmend kleinlauter. Natürlich fragt man sich, wie man selber in solchen Extremsituationen reagieren würde, aber das ist müßig. Williams zeigt schonungslos, dass man aus einem anderen Holz geschnitzt sein muss, um dort zu überleben. Wer also ist man, dass man den charakterlichen Verfall der Gruppe kritisieren darf? Butcher’s Crossing lehrt in dieser Hinsicht Demut und Toleranz – zwei nicht ganz unwesentliche Eigenschaften.

Butcher’s Crossing will aber noch mehr. Ein die natürlichen Ressourcen ausbeutender Kapitalismus wird angeprangert, Naturzerstörung im Allgemeinen auch. Eine zaghafte Romanze will eingeflochten werden. Das ist gut gemacht und stimmt auch nachdenklich oder beschwingend, aber notwendig wäre das nicht gewesen. Ebenso die Entwicklungsgeschichte von Andrews – ein zwar dankbarer Einstieg in die Handlung, aber spätestens beim einsetzenden Winter in den Bergen allenfalls eine Randnotiz. Seine eigentliche Kraft bezieht Butcher’s Crossing aus dem grandios erzähltem Kampf gegen das Schicksal. Nichts ist sicher, alles ist vergänglich. Jede vermeintliche Sicherheit kann zu jeder Zeit genommen werden. Das ist nichts Neues. Das weiß man, hat es vermutlich bereits erlebt. Aber in literarisch so dichter Form, so miterlebensfähig und archaisch habe ich es selten gelesen.

Was bleibt?

Die endlosen Weiten der Prärie. Die majestätischen Rocky Mountains. Trockenheit und Hitze, Schnee und Kälte. Nicht mehr und nicht weniger setzt sich beim Lesen ab. Williams beschreibt keine Natur, um seinen Charakteren einen Rahmen zu geben, vielmehr wird die Natur selbst zum launenhaften Akteur. Lesen ist auch immer eine Ausweitung des eigenen Erfahrungsschatzes. In Butcher’s Crossing habe ich einen Blizzard in seiner ganzen Schrecklichkeit erlebt. Das geht nahe und ist zugleich sprachlich so gut beschrieben, wie ich es zuvor nur vom legendären Schneesturm in Thomas Manns Der Zauberberg kannte. Mehr Lob geht kaum mehr.



Bibliographische Angaben

Williams, John: Butcher’s Crossing. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Erstmals erschienen 1960.

Gebundene Ausgabe: dtv. 368 Seiten. ISBN 978-3-423-14518-3.

  1. Ich glaube, die letzten literarischen Jahre wären um einiges ärmer, wären die Werke von Williams nicht wieder entdeckt worden. Ich finde dieses Phänomen unheimlich spannend, wenn fast vergessene Autoren wieder Aufmerksamkeit, ja Ruhm erlangen. Traurig nur, dass sie es selbst nicht mehr erfahren. Man kann gespannt sein, welche Namen, auch aus anderen Ländern, in den kommenden Jahren den Weg zurück in die Öffentlichkeit finden. Viele Grüße

  2. Du hast Recht. Es schlummern sicherlich noch wahre Schätze unentdeckt auf eine breite Wahrnehmung. Schade finde ich dann nur den sich immer sofort vollziehenden Hype, der Autoren zum Must-Read erhebt. Die reine Neuentdeckung an sich lässt mir einen Schriftsteller nicht gleich ans Herz wachsen. Bei Williams war das anders und so freue ich mich bereits auf „Augustus“.

    Viele Grüße!
    Stefan

  3. Hallo Stefan,

    danke für deine schöne Besprechung. Ich habe die beiden Romane in umgekehrter Reihenfolge gelesen und fand sowohl „Butchers Crossing“ als auch „Stoner“ großartig. Butchers Crossing hat meinen Horizont erweitert und mir Naturereignisse nahegebracht über die ich mir in meinem komfortablen Leben noch nicht allzuviele Gedanken gemacht habe. Stoner ist mir lange als Gefühl im Gedächtnis geblieben – und es war nicht unbedingt ein positives Gefühl, aber eine Art von Demut und die Erkenntnis, dass es auch „Leben“ ist, wenn nicht Individualität und Selbstverwirkllichung das höchste Gut sind.

    Liebe Grüße
    Sassa

  4. Hallo Sassa,

    treffender kann man „Stoner“ kaum zusammenfassen! Es ist garantiert eines der Bücher, die man nur schwer wieder los wird. Allerdings bedauere ich das ob der negativen Gefühle, die das Buch in mir auslösten. Literatur muss natürlich nicht bequem sein, aber im Falle von „Stoner“ erinnere ich mich leider nur an – zweifelsohne großartige – Leseerfahrungen, die ich lieber nicht gemacht hätte. Aber wie so häufig, kann dies natürlich auch an meinen damaligen Gemütszuständen gelegen haben!

    Sei es drum – „Butcher’s Crossing“ war für mich von der ersten Seite an umwerfend und ich freue mich wie immer, dass wir beide da den gleichen Geschmack teilen!

    Liebe Grüße und ein tolles 2018 für Dich!
    Stefan

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