Rezensionen

Vann, David: Goat Mountain

Oft genug verlässt man sich beim Bücherkauf auf Altbewährtes. Das ist nichts Schlechtes aber manchmal muss man auch blind zugreifen, um sich noch selber überraschen zu können. Über „Goat Mountain“ wusste ich nichts, David Vann kannte ich nicht, der Text auf der Rückseite zudem allenfalls nebulös-ansprechend. Ich vertraute also meinem Bauch und wurde belohnt mit einem wuchtigen Buch, das auf Anhieb zu einem meiner absoluten Lieblinge avancierte.


Der erste Satz
Staub wie Puder auf der Luft und der Tag eine rötliche Erscheinung.

Nordkalifornien. Nahezu unberührte, ungezähmte Natur. Für den namenlosen 11-jährigen Ich-Erzähler soll es ein besonderes Wochenende werden. Zusammen mit Vater, Großvater und einem Freund der Familie bricht er auf zu einem Jagdausflug in das Stammland seiner indianischen Familie. Elf Jahre sind alt genug, um den ersten Hirsch erlegen zu dürfen. Frauen fehlen in dieser Geschichte, es geht also rauh her. Archaische Männlichkeitsituale ersetzen offen gezeigte familiäre Zuneigung.

Am Jagdplatz angekommen, entdeckt der Vater auf dem benachbarten Hügel einen Wilderer und reicht seinem Sohn das Gewehr, damit er durch das Zielfernrohr einen Blick auf den Mann werfen kann. Sekunden später zerreißt ein Schuss die Stille und der Wilderer ist tot. Der Sohn ist zum Mörder geworden. Die erste Panik weicht einem Schock. Wie konnte das passieren? Es war kein Unfall; mit voller Absicht hat er abgedrückt und zeigt keine Reue. Hirsch oder Wilderer – wo ist da schon der Unterschied? Vor allem war es ein guter Schuss. Wie nun damit klar kommen? Die Frage, was man da groß gezogen hat, drängt sich auf und setzt sich mit Widerhaken im Kopf fest. Eine Rückkehr zum bisherigen Leben erscheint ausgeschlossen. Damit allein ließe sich trefflich ein Buch füllen und genau das hatte ich auch erwartet. Vann will aber noch mehr – und er kann auch mehr.

An der Art des Umgangs mit dem Leichnam entzündet sich ein Streit, der Vater und Großvater unwiderruflich entzweit. Der Vater will ihn bestatten und seinen Sohn für die Tat sühnen lassen. Das ist inakzeptabel für den Großvater, der in jedem Mann in alttestamentarischer Hinsicht einen Sprössling Kains sieht, der das archaische Begehren zu töten unauslöschlich seit Generationen in sich trägt. Moral und Gesetze sind nur künstlich geschaffene Regeln, die einer Gemeinschaft das Zusammenleben erleichtern. Der menschliche Trieb ist eine Instanz über allem. Was freilich nicht heißt, dass er seinen Enkel nicht per Selbstjustiz strafen will.

Ohne an dieser Stelle zuviel vorwegnehmen zu wollen, ist das der eigentliche Konflikt des Buches. Ist die Gier Blut zu vergießen in der menschlichen Natur verankert oder im Laufe der Jahrtausende anerzogen? Vann versteht es meisterlich, diesem zunehmend philosophischem Konflikt Leben und menschliche Tragik einzuhauchen, der dramaturgisch korrekt nur im Fiasko enden kann. Bis es soweit ist, bleibt der 11-Jährige erstaunlich reflektionsarm und vor allem eines – ein Kind. Ein Kind, das unter der Zurückweisung durch seinen Vater leidet und hören will, dass alles wieder gut sei. Ein Kind, das unter der Wegnahme seines Gewehrs mehr leidet als unter seinem Gewissen. Beim Lesen fragte ich mich oft, was dieses Kind für ein Erwachsener werden würde.

Es ist Vonn zu verdanken, dass er den enstehenden Kloß im Hals ein Stück weit schrumpfen lässt, als der Ich-Erzähler doch noch lernt, was es heißt zu töten. Der langersehnte Hirsch taucht auf und wird dilettantisch erlegt. Der Tötungsprozess zieht sich über viele Seiten hin und changiert zwischen Abscheu und Faszination. Auge in Auge mit seinem Opfer verliert das Töten jede verharmlosende Distanz und wird zu dem was es ist – dreckig, brutal und vor allem endgültig.

Zerrissenes Zwerchfell in den Resten eingesackt, Lunge schaumig, ein Orangestich im Rot. Als wäre unser Atem Schaum, Erinnerung wiederum ans Meer, an unsere Ursprünge. Und das Herz hing da starr, weiß marmoriert mit tausend Miniaturmustern, die über seine Oberfläche hinaufkrochen, jede Faser Muskel, Blut und Fett. (…) Ich schlug die Zähne in die Wand dieses Herzens, und es war so glitschig und gummiartig, dass ich es fest an mein Gesicht drücken musste. Zähne dafür nicht gemacht, nicht scharf genug, also schüttelte ich beim Beißen den Kopf und riss an diesem Muskel. Mein Messer auf der Erde, das Herz in beiden Händen, und ich wurde wieder zum Tier gemacht, mit geschlossenen Augen und mahlendem Kiefer und dem Geschmack von Blut und Fleisch in meinem Mund. Jetzt bist du ein Mann, sagte mein Großvater. Jetzt bist du ein Mann, sagte mein Vater.

Goat Mountain ist kein Buch, das man nebenbei liest. Vann ist ein unglaublich intelligenter Erzähler, der seiner Geschichte mehr Tiefe verleiht als ich streckenweise ertragen konnte. Den existenzialistisch aufgeladenen Konflikt zwischen Jesus und Jahwe, zwischen Moral und archaischer Gewalt hätte ich gerne zugunsten einer emotionaleren Auseindersetzung zwischen Vater und Sohn eingetauscht. So ist es nun aber abseits der individuellen Katastrophe ein Buch über die kollektive menschliche Natur und die Frage nach eigener Verantwortung. Vann hat das großartig gemacht und dafür meine volle Bewunderung verdient.

Was bleibt?

Wirklich hervorragende Literatur versteht es, Gelesenes zum eigenen Erfahrungsschatz hinzuzufügen. Goat Mountain ist in dieser Hinsicht große Literatur. Ich hatte nie ein Gewehr in der Hand und habe Blutrausch nachempfunden, ich habe nie auf einen Menschen geschossen und bin zum Mörder geworden. Sehr viel mehr können Bücher nicht leisten und ich bin für diese Bereicherung sehr dankbar.



Bibliographische Angaben

Vann, David: Goat Mountain. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Erstmals erschienen 2013.

Gebunde Ausgabe: Suhrkamp. 270 Seiten. ISBN 978-3-518-42455-1.

  1. kleinewelle

    Hallo,

    super Rezi ist das.
    Ich habe schon zwei Hörbücher von David Vann gehört und bei beiden geht es so ein bisschen um die menschlichen Abgründe. Und zwar waren das Die Unermesslichkeit und Dreck, kann ich beide auch nur empfehlen.
    Nach deiner Rezension werde ich mir dann auch noch Goat Mountain anhören. Das klingt wirklich interessant. Kommt direkt auf meine Zu-Hören-Liste. 😉

    Liebe Grüße
    Diana von lese-welle.de

    • Liebe Diana,

      vielen Dank Dank. Das freut mich, dass ich Dich auch auf diesen Titel aufmerksam machen konnte. Bislang ist „Goat Mountain“ mein einziges Buch von Vann aber das wird garantiert nicht so bleiben! „Dreck“ steht schon auf meiner Kaufen-Liste 🙂

      LG
      Stefan

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