Meinung

Über den Neugewinn der Lesefreiheit

„Was liest du so?“ Jeder Vielleser kennt diese Frage. Sobald beim Small Talk das Thema auf unser liebstes Hobby fällt, folgt unweigerlich die Aufforderung sich zu outen. Menschen denken nunmal in Schubladen. Hab ich es mit einem Krimitypen zu tun? Liest mein Gegenüber historische Romane? Schnulzen? Vernachlässigt wird dabei, dass man als Leser seinen eigenen Weg finden muss – und der ist meist nicht geradlinig.



Geschmäcker ändern sich mit der Zeit und dem Alter. Das ist gut so. Früher verschlang ich Handke und Hesse, unterstrich Passagen bis das halbe Buch markiert war und heute lassen mich beide kalt. So was passiert. Man entdeckt neue Autoren für sich, legt sich auf Vertrautes fest und schafft sich mit den Jahren seine eigene Bibliothek als Spiegelbild der Persönlichkeit. Das im Reifeprozess angelegte Sich-Suchen und -Finden findet seinen Niederschlag eben auch in den Regalen. Gerade als ich dachte, meine Richtung bestimmt zu haben, fing ich an zu bloggen und verlor – vorübergehend – meinen inneren Kompass.

Die Blogwelt ist aufregend! Es wird empfohlen, ans Herz gelegt, gelikt, gehypt und gegenseitig angestachelt. Das liegt in der Natur der Sache und ich machte nur zu gerne mit. Verlage bieten Rezensionsexemplare an, freie Auswahl in den aktuellen Programmen – wo gibts denn so was?! Also mitmachen! Neuerscheinungen hinterher hecheln, durchlesen und besprechen, bevor das Buch ein alter Hut ist und niemanden mehr interessiert. Die neuen Herbstprogramme durchackern und vormerken. Was Entspannung sein sollte, klingt plötzlich anstrengend und das war es auch! Nicht falsch verstehen – wer Spaß daran hat, soll es gerne machen. Für mich ist es nur leider nichts.

Ich habe Bücher gelesen, weil sie in aller Munde waren und nicht weil ich sie lesen wollte. Das ist frustrierend und hinterlässt das schale Gefühl vergeudeter Lese- und Lebenszeit. Gerade in Zeiten vollständiger Information und Kommunikation ist es wichtig, sich treu zu bleiben und sich nicht aus den Augen zu verlieren. Warum also einen Debütroman nach dem anderen lesen, wenn es noch so viel zu entdecken gibt, von dem man weiß, dass es einem vollkommen entspricht? Warum sich an Lesechallenges beteiligen, wenn das Gesamtwerk der Lieblingsschriftsteller noch so viel Ungelesenes bereithält? Warum Bücher nach Rezensionswürdigkeit auswählen, wenn die eigene Stimmung entscheiden sollte?

Ich mach da jetzt mal wieder mein ureigenes Ding und lese endlich einmal in Ruhe Die Schatzinsel. Vielleicht schreib ich sogar drüber.

  1. Thomas Brasch

    Die kindgerechte verkürzte Fassung habe ich vor einiger Zeit meinem Sohn vorgelesen. Ich selbst kannte die Schatzinsel zunächst nur als Hörspiel (Europa), später die vierteilige TV-Verfilmung, die ich jetzt als DVD habe und auch mit meinem Sohn schaute.

    Vieles hole ich mit ihm nach, was ich in meiner Kindheit zumindest als Buch verpasste. Mit viel Vergnügen. Sehr empfehlenswert auch Oliver Twist, Nils Holgerson, Robin Hood, Tom Sawyer. Weniger begeistert waren wir von Peter Pan.

    • Als vage Erinnerung an ein Hörspiel waberte „Die Schatzinsel“ auch noch in mir herum. Ich bin zwar noch nicht sehr weit, aber sofort breitet sich beim Lesen ein warmes schönes Gefühl aus. Herrlich!

  2. Deine Meinung kann ich sehr gern unterschreiben. Ich denke, jeder ist der Schöpfer seiner eigenen Lesebiografie und sollte entscheiden, was er lesen und was er eben nicht lesen will. Das macht es doch gerade spannend, wenn ein Blogger andere Titel vorstellt als die überwiegende Mehrheit. Außerdem finde ich es wichtig, auf vergessene Titel oder Bücher von der Backlist zu erinnern. Viele Grüße

    • Wie schön, dass Du das genauso siehst! Ich habe leider immer wieder den Eindruck, dass Individualität dem Mainstream zum Opfer fällt. Dabei verpasst man so viel, wenn man sich nicht von sich selbst und seinen Bedürfnissen leiten lässt.

  3. »Die Schatzinsel« ist immer eine gute Wahl. Lektüren abseits aktueller Hypes und PR-Kampagnen schätze auch ich.
    https://lustauflesen.de/stevenson-schatzinsel/
    Im Anschluss rate ich zu »Huckleberry Finn«, vielfach unterschätzt und alles andere als ein Kinder- und Jugendbuch.
    (Auch das liegt in einer schönen Neuübersetzung des von mir geschätzten, von anderen eher naserümpfend beurteilten Andreas Nohl vor. https://lustauflesen.de/twain-tom-und-huck/ )
    lg_jochen

  4. Ich musste etwas grinsen bei Deinem Kommentar, Jochen. Neben der „Schatzinsel“ habe ich mir direkt zeitgleich „Tom Sawyer“ und „Leben auf dem Mississippi“ zugelegt. Wohlig-warme Auffrischungen von Kindheitserinnerungen sollten damit gesichert sein!

  5. Als ich damals meinen (ersten) Buchblog startete, bin ich auch bald den Neuerscheinungen hinterhergehechelt: Die Verlagsvorschauen durchstöbern, Rezensionsexemplare anfragen und dann vor dem Veröffentlichungsdatum besprechen. Der Stapel ungelesener Bücher wuchs in die Höhe und ich fühlte mich unter Druck.

    Aber jetzt nehme ich mir einfach die Zeit, die Backlist von Autoren zu erkunden, die mir gefallen. Mit englischsprachiger Historical Romance und dann auch noch zehn Bücher von der gleichen Autorin hintereinander werde ich sicherlich keine Leser gewinnen. Aber es hat Spaß gemacht!

    Zwar stöbere ich noch ab und zu auf Goodreads nach interessanten Neuerscheinungen. Aber die kaufe ich mir dann beizeiten oder eben auch nicht. Challenges ignoriere ich mittlerweile, denn mein Lesegeschmack schlägt eben auch mal unvermittelt um. Wer weiß, ob ich in einen Monat wieder verstärkt High Fantasy lese oder dann ein Jahr mit historischen Romanen einlege.

    In diesem Sinne: Frohes Lesen!

    • Man muss sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, aus welcher Motivation man seinen Blog gestartet hat. Ich hatte das Bedürfnis, dadurch meine Bücher besser hinsichtlich der Leseerfahrung bewahren zu können. Da steht das Programm bereits fest – MEINE Bücher. Sich etwas ablenken zu lassen, ist nur menschlich. Umso froher bin ich jedoch, wieder in alte Spuren gefunden zu haben.

      Schön, dass Du ähnliche Erfahrungen gemacht hast und Dir nun treu bist!

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