Rezensionen

Thúy, Kim: Der Klang der Fremde

Ich freue mich immer, wenn Bücher mich überraschen können. Gekauft ohne große Erwartungen, entpuppte sich „Der Klang der Fremde“ zu meinem persönlichen Lesehighlight 2016. Ein zartes, wundervolles Kleinod an Literatur, dem ich nicht genug Leser wünschen kann.


Der erste Satz
Ich kam während der Tet-Offensive zur Welt, als das Jahr des Affen anfing und die vor den Häusern aufgehängten langen Knallerketten mit den Maschinengewehren im Chor zu knattern begannen.

Kim Thúy beginnt ihr Buch mit einem Satz, der in seiner Bescheidenheit und Einfachheit so schön und unaufgeregt ist, dass ich ihn voller Bewunderung immer und immer wieder lesen kann. Er gibt das Lautbild vor, dem sich alle folgenden Sätze unterwerfen und die mich nach einer leider viel zu kurzen Lesezeit bereichert und dankbar zurückließen.

Thúy erzählt ihre eigene Lebensgeschichte, angefangen bei ihrer Kindheit im goldenen Käfig der Oberschicht von Saigon. Innerhalb des abgeschotteten Anwesens wächst sie in einer französisch geprägten Bourgeoisie auf; außerhalb davon herrscht das typische Labyrinth aus Garküchen, Straßenhändlern und Landarbeitern. Mit dem Sieg der nordvietnamesischen Kommunisten finden ihre geburtsmäßigen Privilegien jedoch ein jähes Ende. Thúys Familie wird enteignet und ihr Haus aufgeteilt, so dass sie es fortan mit den neuen Herren teilen müssen. Dabei sind es weniger die veränderten Machtverhältnisse, die das Zusammenleben erschweren, als vielmehr die grundlegend entgegengesetzten Lebenserfahrungen, die gegenseitiges Misstrauen und Abneigung fördern.

Dieser junge Inspekteur war seit seinem zwölften Lebensjahr durch den Dschungel marschiert, um Südvietnam aus den „haarigen“ Händen der Amerikaner zu befreien. Er hatte in unterirdischen Tunneln geschlafen, ganze Tage in Teichen unter einer Seerose verbracht, die Leichen seiner Kameraden gesehen, die geopfert wurden, um ein Verrutschen der Kanonen zu verhindern, und Malarianächte inmitten des Gedröhns von Hubschraubern und Explosionen erlebt. (…) Wie hätte er denn ahnen können, wozu ein Büstenhalter gut ist?

Als die Repressalien überhand nehmen, kratzen die Eltern ihr letztes hastig zur Seite geschafftes Vermögen zusammen und wagen die Flucht über See. Ein Großteil dieser in den 1970er Jahren flüchtenden Boat People überlebt die Reise nicht. Thúy und ihre Eltern haben Glück und stranden in einem hoffnungslos überfüllten Flüchtlingslager auf Malaysia, von wo aus sie später nach Kanada emigrieren und wenn nicht Glück, so doch Sicherheit finden.

Der Klang der Fremde folgt keinem chronologischem Plot. Thúy webt einen mäandernden Bewusstseinsfaden, der in einer zutiefst persönlichen Weise Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft. Wenige Seiten reichen ihr für diese in sich geschlossenen Anekdoten, die eindringlicher sind als ganze Kapitel anderer Autoren. Dutzende kunstvoll hingehauchte Versatzstücke warten auf den Leser, die in ihrer Auswahl das beklemmende Gefühl all der nicht niedergeschriebenen Erfahrungen in sich tragen. Dabei muss man bereit sein, sich sehr nahe gehenden Bildern zu stellen – den unmenschlichen hygienischen Bedingungen auf dem Boot und im Flüchtlingslager ebenso wie dem Schmerz einer Mutter über die Exekution ihres achtjährigen Sohnes. Thúy widmet in ihrem Buch den Erlebnissen ihrer Familienangehörigen den größten Raum. Dass ihre Erzählung sich aber nicht in ihrer eigenen Geschichte erschöpft, sondern sich über diese hinaus im Kopf des Lesers zu einer Aussage über das Allgemeine verdichtet, ist große Kunst.

Die Existenz all dieser Frauen, die Vietnam auf ihrem Rücken trugen, während ihre Männer und Söhne auf dem ihren Waffen transportierten, wird oft vergessen. Man vergisst sie, weil sie unter ihrem spitzen Hut nicht zum Himmel blickten. Sie warteten nur auf den Sonnenuntergang und sanken dann eher in eine Ohnmacht als in den Schlaf. Hätten sie genug Zeit gehabt, den Schlaf zu erwarten, hätten sie in Gedanken ihre in tausend Stücke zerrissenen Söhne oder die Leichen ihrer Männer wie Wracks auf einem Fluss treiben sehen.

Jahre später kehrt Thúy beruflich nach Saigon zurück und ist zur Fremden geworden. Der nordamerikanische Way of Life hat sie verwestlicht, ihre Herkunft verwässert. Selbst ihre Körpersprache verrät ihre Andersartigkeit durch ein Zuviel an Selbstbewusstsein. Das anfänglich Fremde hat sich ihr übergestülpt und ist zu einem Teil ihrer Persönlichkeit geworden. Durch ihre zwischen Vorher und Nachher changierende Erzählweise wird dieser Prozess der Assimilation wunderbar erlebbar. In der Summe der einzelnen erzählten Lebensfetzen ergibt sich ein stimmiges Emigrantenschicksal, das zwar individuell erzählt ist, längst aber keinen Anspruch auf Einzigartigkeit erhebt.

Man kann Der Klang der Fremde in diesen Tagen nicht lesen, ohne an die Bilder zu uns flüchtender Menschen zu denken. Thúy möchte jedoch kein Mitleid erzeugen. Buddhistisch-lakonisch nimmt sie die Leiden der Flucht an und fügt sich in ihr Schicksal. Gerade wegen dieser verinnerlichten Schicksalsergebenheit öffnet sie den Blick auf die unfassbaren Gräuel, die Menschen bis heute dazu zwingen, ihr bisheriges Leben und ihr ganzes Sein hinter sich zu lassen und den Weg in die Fremde zu wagen. Literatur soll aufrütteln und gebildete Meinungen in Frage stellen – Thúy gelingt das in bravuröser Bescheidenheit.

Was bleibt?

Thúy wollte nach eigener Aussage etwas Stilles schaffen, das den Leser unsichtbar begleitet. Das ist ihr in unnachahmlicher Weise gelungen. Der Klang der Fremde schleicht sich zunächst in einer sanften, dezenten Bildsprache ein und setzt sich dann beim Lesen mit Widerhaken im Kopf fest. Selbst die grauenvollsten Erlebnisse werden hauchzart und nahezu poetisch beschrieben, wodurch sie in ihrer dahinter stehenden Realität zu noch tieferen Erfahrungen werden. Thúy hat mich inhaltlich und sprachlich tief bewegt und mir wieder einmal vor Augen geführt, wozu Literatur in der Lage ist.



Bibliographische Angaben

Thúy, Kim: Der Klang der Fremde (Original: Ru). Übersetzt aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große. Erstmals erschienen 2009.

Taschenbuchausgabe: dtv Verlag. 160 Seiten. ISBN 978-3-423-14415-5.

  1. Hallo Stefan,
    ich möchte mich mal bedanken für Deine tolle Liste mit den 25 Lieblingen – eine wahre Fundgrube für mich, weil du mit Vielem meinen Geschmack triffst. Und Deine kurzen Beschreibungen machen Lust aufs Lesen. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen werde 🙂
    Und was Kim Thúy angeht: die hatte ich mal bei Amazon entdeckt, wusste aber nicht, was ich davon halten sollte bei all den unterschiedlichen Rezensionen dort. Aber jetzt, nach Deiner wunderbaren Besprechung, weiß ich es.
    Also hab Dank für Deine tollen Anregungen!
    Apropos: Sind die Schwarzweiß-Fotos von Dir selber?

    Herzliche Grüße aus Berlin
    Wolfgang

    • Hallo Wolfgang,

      es freut mich sehr, wenn ich Dich auf das eine oder andere Buch aufmerksam und neugierig machen konnte. Jedes einzelne davon ist in meiner Lese-Historie herausragend gewesen.

      Es würde mich sehr interessieren, Dein Feedback zu erhalten, wenn Du eines gelesen hast!

      Stefan

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