Autoren

T.C. Boyle

T.C. Boyle ist eine Institution. Ein Rockstar, ein Superstar der Literaturszene. Und wie das mit Institutionen so ist, brauche ich ein wenig länger, um mit ihnen warm zu werden. Hypes ziehen mich nicht an, sie schrecken mich eher ab. Als dann sein Buch über Frank Lloyd Wright erschien, konnte ich dann doch nicht mehr widerstehen und griff zu. Ein Glücksgriff für mich und seitdem folgt in schöner Regelmäßigkeit Buch um Buch.

Biographie

Tom Coraghessan Boyle wurde als Thomas John Boyle am 02. Dezember 1948 in Peekskill, NY geboren. Den Namen Coraghessan gab er sich selbst nach einem irischen Vorfahren. Boyles Vater war von Beruf Busfahrer, seine Mutter Sekretärin, beide katholisch. T.C. Boyle ist seit 1974 mit Karen Kvashay verheiratet; die beiden haben eine Tochter, Kerrie, und zwei Söhne, Milo und Spencer. Durch den Verkauf der Filmrechte von The Road to Wellville (dt. Willkommen in Wellville) konnte sich T.C. Boyle den Erwerb und die Restaurierung einer historisch bedeutsamen, von Stararchitekt Frank Lloyd Wright erbauten Villa im kalifornischen Montecito leisten. Dort wohnt er bis heute. Zum Schreiben zieht er sich gern in ein abgeschiedenes Holzhaus im Sequoia Nationalpark zurück. (Quelle: T.C. Boyle.de)

Was hatte mich umgestimmt? Die Frauen ist ohne Zweifel ein sehr gutes Buch, aber gute Bücher schreiben auch andere. Was andere Autoren jedoch nicht fertig bringen, ist ihren Büchern eine Leichtigkeit einzuhauchen, die alles wabernd umhüllt und die Story so mühelos vorantreibt, dass es selbstverständlich erscheint. Boyle zu lesen heißt auch immer, sich treiben und davonreißen zu lassen, sich seiner Fabulierkunst auszuliefern. Nach Belieben nimmt er Tempo heraus, zieht es halsbrecherisch wieder an, beschwört Katastrophen oder lässt die Dinge sich wieder einrenken – halbwegs. Um Künstlern wie ihm gerecht zu werden, benutzt man gerne das Wort virtuos. Boyle verdient diese Bezeichnung wie nur wenige andere.

Wie am Fließband erscheint im Zweijahrestakt ein neues Buch. Würde sein Verlag ihn nicht bremsen, wohl in noch kürzeren Intervallen. Dieser Output und diese Kreativität sind schon bemerkenswert genug; noch bemerkenswerter werden sie, wenn man seine Bücher miteinander vergleicht. Jedes steht abgeschlossen neben dem anderen: jedes eine Welt für sich. Boyle ist nicht Irving, der sich im immergleichen Rahmen bewegt. Boyle beginnt jedes Mal aufs Neue und beweist damit eine für mich kaum zu fassende überbordende Phantasie und Schaffenskraft. Aber nicht nur darin unterscheiden sich seine Bücher. Mit jedem neu angelegten Setting und der dahinterstehenden Story ändert sich auch wie selbstverständlich die Tonalität. Boyle kann märchenhaft (wie in Wassermusik), gesellschaftskritisch (América), karikierend (Willkommen in Wellville), humoresk (Drop City) und und und. Nur langweilig kann er nicht.

I have an idea and a first line — and that suggests the rest of it. I have little concept of what I’m going to say, or where it’s going. I have some idea of how long it’s going to be — but not what will happen or what the themes will be. That’s the intrigue of doing it — it’s a process of discovery. You get to discover what you’re going to say and what it’s going to mean.

Da ist es schwierig, dem roten Faden in seinem Werk nachzuspüren. In den letzten Jahren wird er zunehmend politisch und nutzt seinen Superstar-Status, um auf Misstände aufmerksam zu machen. Das ist sein gutes Recht und heute so bitter notwendig wie lange nicht mehr. Gewisse Grundthemen waren bei ihm immer vorhanden. „The Clash of Cultures“ – im Großen wie im Kleinen – oder der Rolle des Individuums in der Gesellschaft begegnet man immer wieder in seinen Büchern. Das kann sehr leicht sehr bemüht wirken; bei Boyle kommt es stets mühelos daher. Niemand schreibt so schnell und mitreißend, so wunderbar leicht und lakonisch und dabei in seinem Kern die Probleme unserer Gesellschaft so zielsicher sezierend und ätzend zurschaustellend wie er.

I am concerned with social and environmental issues. What rational person is not? But advocacy and art do not mix. Art is a seduction. Good art invites the reader to think and feel deeply and come to his/her own conclusions.

Schon allein dafür kann man ihn lieben. Ich liebe ihn aber vor allem für die Atmosphäre, die seine Bücher von der ersten bis zur letzten Seite verbreiten. Boyle vermag es, seine Bücher mit Leben auszustatten. Das sagt sich leicht daher und wird zugegebenermaßen inflationär benutzt. Auf ihn trifft es wenigstens einmal zu. Boyle kreiert in jedem einzelnen Buch einen glaubhaften Rahmen, der mich umschließt, in dem ich leben kann und der die Außenwelt für die Zeit des Lesens weit zurücktreten lässt. Boyle ist in diesem Sinne ein Weltenerschaffer, der seine Geschichten nicht auf einer Bühne erzählt, sondern in seinen Welten die Geschichten von selbst entstehen lässt. Dass er dieses Wagnis in jedem seiner Bücher eingeht, ist höchst riskant. Dass es ihm dies jedes Mal aufs Neue gelingt, ein Wunder. Schreiben Sie weiter, Mr. Boyle.

Lesetipps

Wassermusik (Original: Water Music). 1982.

América (Original: The Tortilla Curtain). 1995.

Drop City. 2003.

Hart auf Hart (Original: The Harder They Come). 2015.

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