Rezensionen

Stevenson, Robert Louis: Die Schatzinsel

Fernab von jedem diktierten literarischen Kanon gibt es Bücher, die man gelesen haben muss. Welche das sind, ist freilich von Leser zu Leser verschieden. Maßgeblich hierfür können nur die innere Sehnsucht und Bedürfnisse sein – und das unabhängig von vermeidlich objektiven Bewertungsmaßstäben. Höchste Zeit also für mich zur „Schatzinsel“ zu greifen.


Der erste Satz
Gutsherr Trelawney, Doktor Livesey und die anderen Gentlemen haben mich gebeteb, alle Einzelheiten über die Schatzinsel vom Anfang bis zum Ende auszuschreiben und dabei nichts auszulassen als die genaue Lage der Insel – und das nur, weil dort immer noch ein ungehobener Schatz liegt -, also greife ich im Jahres des Herrn 17.. zur Feder und kehre zurück zu der Zeit, als mein Vater Wirt vom „Admiral Benbow“ war und der wettergegerbte alte Seemann mit dem Säbelschmiss unter unserem Dach Quartier nahm.

Die Entstehungsgeschichte der Schatzinsel ist ebenso bekannt wie legendär. Während eines verregneten Sommeraufenthalts in den schottischen Highlands schaute Stevenson seinem Stiefsohn dabei zu, wie dieser die Phantasiekarte einer fiktiven Insel aufs Aquarellpapier zauberte. Anhöhen erhielten Namen, günstige Ankerplätze wurden aufgetan und mit einem Mal verdichtete sich Tagträumerei zur Möglichkeit eines Romans. Stevenson galt zu diesem Zeitpunkt als durchaus talentierter Schriftsteller. Gleichwohl waren seine Erzählungen bis dahin aufgrund ihres Niveaus allenfalls einem überschaubaren Publikum bekannt. Die Krönung als Schriftsteller wäre hingegen ein Erstlingsroman – der jedoch durch das eigene Anspruchsdenken bis dato Wunschdenken blieb.

Die Anziehungskraft seiner Idee muss immens gewesen. Anders lässt es sich kaum erklären, dass er seinen elitären Ruf aufgab und sich dem – damals wie heute – literarisch fragwürdigem Genre des Abenteuerromans widmete. Alle bisherigen Schreibblockaden schienen wie weggefegt. Endlich losgelöst von jeder einengenden Konvention kreierte Stevenson eine Bilderwelt, die bis heute unsere Vorstellung von der Blütezeit der Piraterie prägt – Kanonen und Pulverrauch, auf Schultern hockende Papageien, Holzbeine und vergrabene Schätze auf einsamen Inseln. Pirates of the Carribean wäre ohne Stevenson undenkbar.

Während ich noch zögerte, kam aus einem Nebenzimmer ein Mann herein, und ich erkannte mit einem Blick, dass das Long John sein musste. Sein linkes Bein war knapp unterhalb der Hüfte amputiert, und unter der linken Schulter trug er eine Krücke, die er äußerst geschickt handhabte – er hüpfte damit herum wie ein Vogel. Er war hochgewachsen und kräftig, mit einem Gesicht so groß wie ein Schinken, hässlich und blass, aber klug und zum Lächeln aufgelegt.

Es ist einerlei, ob man die Handlung bereits kennt oder nicht – so oder so ähnlich hat man die Suche nach einem versunkenen Piratenschatz in unserer westlichen Kultur garantiert schon gelesen oder gesehen. Viel wichtiger als das Erzählte ist das Gefühl, das sich nach wenigen Seiten beim Leser ausbreitet und ihn nicht mehr verlässt. Die Schatzinsel zu lesen bedeutet in eine innere Komfortzone zurückzukehren, sich keine Gedanken um literarische Ebenen etc. zu machen, sondern wieder mit dem ernsten Eifer eines kleinen Jungen lesen zu können. Kindheitserinnerungen werden geweckt, man ist als Erwachsener wieder in der Lage zu staunen, mitzufiebern und die Luft anzuhalten. Die Seiten fliegen nur so dahin und am Ende verbleibt das schöne und wärmende Gefühl, etwas wirklich Wichtiges und Fortwährendes gelesen zu haben.

Es ist zu kurz gesprungen, wenn man dieses Phänomen allein der eigenen Bereitschaft zuschreibt, sich auf vermeintlich triviale Kost einzulassen. Stevenson macht sehr viel richtig, woran andere Autoren gleichwelchen Genres scheitern. Er hat einen guten und bedachtsam konstruierten Plot. Er versteht es, Orte vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, in denen man sich bewegen kann und die nicht nur schmückendes Beiwerk sind. Und nicht zuletzt erschafft er Romanfiguren, die sich zu glaubhaften Charakteren verdichten. Long John Silver ist in dieser Hinsicht eben nicht nur dramaturgisch notwendiger Antagonist, sondern in seiner Vielschichtigkeit eine ebenso faszinierende wie Abneigung auslösende Persönlichkeit. Die Schatzinsel ist mitnichten das Werk eines Schriftstellers, der sich ob seiner beschränkten Möglichkeiten dem Abenteuerroman widmet; vielmehr ist sie das Ergebnis eines Erzählstoffes, der Talent zur Reife befähigt. In diesem Sinne weiß sie nicht nur abenteuerliebende Jungen und Mädchen, sondern auch kritisch lesende Erwachsene zu begeistern. Mich jedenfalls hat Die Schatzinsel gepackt und seitdem nicht wieder losgelassen.

Was bleibt?

Die Luft riecht nach Pulverrauch und auf meinen Lippen schmecke ich das Salz des sich dahin wälzenden Meeres. Ich erlebe bange Momente, wenn sich Jim Hawkins wiederholt auf eigene Faust aufmacht, um das Leben seiner Freunde zu retten. Die Schatzinsel ist ein zutiefst phänomenologisches Buch, das nicht aufhört nachzuwirken, wenn man es zuschlägt. Die entstandenen Bilder wirken in einem fort, setzen sich fest und bereichern das innere Ich mit einer Wärme und Selbstverständlichkeit, die ich schon verloren glaubte. Wer einmal das Gefühl erleben möchte, literarisch nach Hause zu kommen, sollte zugreifen. Ich bin sehr froh, es getan zu haben.



Bibliographische Angaben

Stevenson, Robert Louis: Die Schatzinsel (Original: Treasure Island). Aus dem Englischen von Andreas Nohl. Erstmals erschienen 1883.

Taschenbuchausgabe: dtv. 384 Seiten. ISBN 978-3-423-14430-8.


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