Rezensionen

Rushdie, Salman: Mitternachtskinder

Nach all den Jahren des Lesens gibt es immer noch Schriftsteller, an die ich mich nicht herangetraut habe. Salman Rushdie war einer davon. Zu schwülstig, zu exotisch und zu pompös – so mein Vorurteil. Ganz so falsch lag ich mit dieser Einschätzung nicht, aber dabei ist „Mitternachtskinder“ vor allem brillante und opulente Weltliteratur, die man nicht versäumen sollte.


Der erste Satz
Es war einmal ein kleiner Junge, der wurde in der Stadt Bombay geboren … Nein, so geht das nicht, ich kann mich um das Datum nicht herummogeln: Ich wurde am 15. August 1947 in Dr. Narlikars privatem Entbindungsheim geboren.

Salman Rushdie macht es einem nicht leicht! Nachdem man den Zauber der ersten Sätze und den groben Rahmen der Handlung ausgekostet hat, wird es langatmig. Sehr langatmig! Mit der Gelassenheit eines Autors, der unbegrenzt Zeit und Seiten hat, lässt Rushdie die Geburt von Saleem Sinai hinter sich und geht weit zurück in dessen Familiengeschichte. Die Jugend der Großeltern in Kaschmir, das spätere Ansässigwerden in Delhi und noch so viel mehr wird auf den ersten 200 Seiten ausgebreitet. So manchen Büchern geht dabei bereits die Luft aus, Rushdie hat sich da erst warm geschrieben und seinen ganzen Erzählstoff noch vor sich!

Saleem Sinai kommt zeitgleich mit der indischen Unabhängigkeit auf die Welt und wird in ein Land hineingeboren, das im Entstehen begriffen ist und seine Identität erst noch erschaffen muss. Indien wie Sinai machen beim Heranwachsen unliebsame Erfahrungen, lernen aus Fehlern und machen sie dennoch ein zweites und auch drittes Mal. Rushdie beschränkt sich also mitnichten auf das Erzählen einer isolierten Familiengeschichte. Untrennbar verknüpft er das Leben Sinais mit dem Schicksal Indiens und lässt nationale Krisen stets auch in persönliche ausarten. Der Leser erfährt so im Vorbeigehen einiges über die wechselhafte jüngere Geschichte des Landes und deren innere Konflikte, die maßgeblich für die Abspaltung Pakistans und die bis heute anhaltende Unversöhnlichkeit zwischen den religiösen Lagern der Hindus und Moslems sind.

Mitternachtskinder ist allerdings noch mehr als die Einbettung einer Lebensgeschichte in einen gesellschaftspolitisch größeren Rahmen. Rushdie durchtränkt alles mit einer Magie aus 1001 Nacht. Übersinnliche Fähigkeiten, Zaubereien und Mystik nehmen jeder politischen Wendung die Schärfe und verwandeln sie in ein modernes Märchen mit der Hoffnung auf ein gutes Ende. Sinai kann Gedanken lesen, Emotionen riechen und stolpert – abwechselnd berauscht und erdrückt durch seine Fähigkeiten – durch das Zeitgeschehen mit der Hoffnung auf einen festen Platz im Leben angesichts der Fülle der sich ergebenden Möglichkeiten und der sich überschlagenden Einschnitte.

Und vielleicht war das der Unterschied zwischen meiner indischen Kindheit und meiner pakistanischen Jugend – in Ersterer war in von unendlich vielen alternativen Wirklichkeiten belagert, während ich in Letzterer inmitten einer gleichermaßen unendlichen Zahl von Falschesten, Unwirklichkeit und Lügen hilflos und ohne Orientierung umhertrieb.

Genau wie sein allwissender Ich-Erzähler lässt Rushdie sich treiben und gerät ins Fabulieren und Groteske. Bettlaken mit Löchern, durch die eine Welt passen spielen eine gewichtige Rolle; todbringende Knie, stets triefende Gurkennasen und Schläfen mit Dellen werden immer wieder zur Beschreibung der Hauptfiguren herangezogen. Sinais Schwester vollzieht eine Verwandlung vom Äffchen zur verschleierten Nationalsängerin Pakistans, sein Vater leidet unter seiner Glatzköpfigkeit gleichermaßen wie unter in Flaschen wohnenden Dämonen. Mit einer schier unerschöpflichen Kreativität und einer überbordenden Phantasie erschafft Rushdie eine exotisch übersteigerte Version des Morgenlandes, die vor abstrusen Bildern und Metaphern nur so trieft. Darauf muss man sich einlassen können und wollen.

In den besten – und überwiegenden – Teilen schreibt sich Rushdie in einen Rausch, dem ich nicht entkommen konnte. Wie im Sog ziehen hunderte Ideen und Eindrücke an einem vorbei, die man nicht rational erfassen, sondern denen man sich einfach nur hingeben sollte. Doch trotz dieser Fülle zerfällt das Buch zu keiner Zeit in einzelne Versatzstücke. Ständig wird Bezug auf Vergangenes genommen, Zukünftiges beschworen und etablierte Bilder in Erinnerung gerufen und erneut bemüht. Die augenscheinliche Kakophonie entpuppt sich recht schnell als ein bedacht konstruiertes Netz eines Autors, der ein klares Ziel verfolgt – die Wachstumsschmerzen einer Nation in einem Kaleidoskop voller Leben und Gleichzeitigkeit entfalten zu lassen. Wann hat man so was schon mal gelesen?

Was bleibt?

Mitternachtskinder erfordert Ausdauer und Aufgeschlossenheit gegenüber einer sich immer weiter übertreffenden Lust am Erzählen. Doch wie sollten die alles umwälzenden Veränderungen, Krisen und Neuanfänge zweier im Entstehen begriffener Staaten ansonsten in Worte gefasst werden können? Rushdie hat, um das Ringen des Einzelnen um Identität angesichts des Fehlens einer festen Ordnung wiederzugeben und um das historische und gesellschaftliche Erdbeben in den Griff zu bekommen, die vielleicht einzig machbare Art und Wiese gewählt – eine überdrehte Ekstase schreiend bunter Bilder, die auf einen einprasseln und die selbst nach Monaten noch nicht ganz verdaut sind und ein Klingeln im Kopf hinterlassen.



Bibliographische Angaben

Rushdie, Salman: Mitternachskinder (Original: Midnight’s Children). Aus dem Englischen von Karin Graf. Erstmals erschienen 1982.

Taschenbuchausgabe: btb Verlag. 736 Seiten. ISBN 978-3-442-74660-6.

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