Rezensionen

Powers, Kevin: Die Sonne war der ganze Himmel

Unzählige Male wurde Kevin Powers nach seiner Rückkehr aus dem Irak-Krieg gefragt, wie es dort drüben gewesen sei. Ein Jahr hatte er als Maschinengewehrschütze an vorderster Stelle gekämpft. Alle Antwortversuche konnten jedoch nicht ansatzweise das Geschehene und Erlebte in ihrer Intensität angemessen ausdrücken, so dass er es zwei Jahre später in literarischer Form versuchte. Gut, dass so viele Menschen gefragt haben.


Der erste Satz
The war tried to kill us in the spring.

Bartle hat den Krieg überlebt und ist doch eines der unzähligen Opfer die ungenannt bleiben. Zu viel Leid und Gewalt hat er mitansehen müssen und selber ausgeübt, um es nach seinem Dienstende abzustreifen und sich anerkennend auf die Schultern klopfen lassen zu können. Besonders der Tod eines Kameraden hat ihn aus der Bahn geworfen. Sein altes Leben wurde spätestens durch die dadurch hervorgerufenen und nicht aufhören wollenden Schuldgefühle ausgelöscht. Dabei erscheint um ihn herum doch alles beim Alten zu sein – in lauen Sommernächten zieht es seine Clique noch immer an den See, die Mädchen sind genauso hübsch und sein Zuhause genauso ordentlich und sauber wie vor seinem Weggang. Der einzige, der sich verändert zu haben scheint, ist er selbst. Das ist das Thema von Powers Buch. Es ist nicht die große Abrechnung mit der Bush-Administration; es ist noch nicht einmal ein Buch gegen den Krieg an sich, sondern die leise und dadurch umso eindrücklichere Erzählung, wie ein Krieg die teilnehmenden Soldaten schleichend, aber unwiderruflich bricht.

I turned and saw Murph kneeling next to the body. His hands were on his thighs. I could have gone to Murph, but I did not. I didn’t want to. I didn’t want to be responsible for him. I had enough to worry about. I was disintegrating, too. How was I supposed to keep us both intact? It is possible that I broke my promise in that very moment, that if I’d gone to comfort him a second earlier, he might not have broken himself. I don’t know.

Der Krieg hat Bartle zum traumatisierten und gebrochenen Wrack gemacht. Er entfremdet sich zunehmend seiner alleinerziehenden Mutter und seine einzige Konstante im Leben ist der Alkohol geworden. Das ließe sich linear hervorragend erzählen, aber Powers setzt auf eine Darstellung in Rückblenden. Ausschnitthaft und in zeitlich ungeordneter Abfolge entsteht erst nach und nach ein Bild der Ereignisse. Auch psychologisch bleibt vieles zunächst vage und konkretisiert sich im späteren Verlauf. Das ist anstrengend, aber stellt handwerklich geschickt die verschiedenen Stadien von Bartles Gemütsverfassung gegenüber. Ein ums andere Mal erscheinen in diesem direkten Nebeneinander nicht die Gefechte, sondern die Momente der Ruhe als das wirklich Unerträgliche.

Die Sonne ist der ganze Himmel ist ohne Frage autobiografisch motiviert und gefärbt. Gleichzeitig ist es aber auch von solch literarischer Kraft, dass man in dem Buch nicht die zwanghafte Vergangenheitsbewältigung eines Veteranen sieht, der zum Schriftsteller geworden ist, sondern das Werk eines Schriftstellers, den es in den Krieg verschlagen hat. Powers schreibt in einer sprachlich raffinierten und stellenweise poetischen Prosa, die freilich dem Gegenstand nicht immer angemessen erscheint. Für die Realität des Krieges erscheinen manche Beschreibungen schon fast als zu schön und entrückt.

Powers enthält sich rigoros einer Wertung. Der Einsatz im Irak wird weder verurteilt noch befürwortet, sondern hingenommen. Einzig und allein die phänomenologische Betrachtung des Einzelnen ist sein Anliegen. Die dahinter steckende Haltung deckt sich mit dem Eindruck, den der Leser von Bartle gewinnt und lässt Rückschlüsse vom Besonderen zum Allgemeinen zu. Powers zeichnet das Bild einer Generation, die ohne innere Reflexion freiwillig in einen Krieg zieht – mangels sonstiger Alternativen. Die Annahme eines klinisch sauberen Krieges hat die Erinnerung an das Sterben ersetzt. Doch manches ändert sich einfach nie. Es sind nicht zuletzt die zerplatzenden Illusionen angesichts des allgegenwärtigen Bluts und Drecks, die Bartle zusetzen. Powers hat diesen stillen Verlust wunderbar eingefangen und wurde vollkommen zurecht von der amerikanischen Presse entsprechend gewürdigt.

Was bleibt?

Die Handlung ist zu überschaubar, um im Gedächtnis haften zu bleiben. Die Struktur ist zu sprunghaft, um Bartles Abdriften in jeder Konsequenz und umfassend nachzuvollziehen. Was wirklich haften bleibt, sind einzelne Momente – das bedrückende Abschiednehmen von den Familien vor dem Abflug, das Warten auf den nächsten Gefechtsbefehl, die Einsamkeit in einer Flughafenbar bei der Rückkehr. Das alles sind Momente, die so eindrucksvoll beschrieben sind, dass man nicht nur rational versteht, sondern auch emotional nachspüren kann, was es bedeutet im Krieg zu sein. Eine bessere Antwort auf die ihm immer wieder begegnete Frage hätte Powers nicht geben können.



Bibliographische Angaben

Powers, Kevin: Die Sonne war der ganze Himmel (Original: The Yellow Birds). Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Erstmals erschienen 2012.

Taschenbuchausgabe: Fischer Verlage. 240 Seiten. ISBN 978-3-596-19553-4.

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