Autoren

Paul Auster

Im Februar 2017 wurde Paul Auster 70 Jahre alt. Nahezu zeitgleich erschien hierzulande sein umfassendstes und wenn man vielen Kritiken und Rezensionen Glauben schenken darf, auch eines seiner besten Werke. Alle Welt redet derzeit von „4321“. Das ist gut und sicher auch gerechtfertigt. Doch anstatt mit einzustimmen, beäuge ich es noch zurückhaltend in meinem Regal und feiere erst einmal den Auster, zu dem ich über die Jahre eine besondere Beziehung aufgebaut habe.

Biographie

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University und verbrachte nach dem Studium einige Jahre in Frankreich. International bekannt wurde er mit seinen frühen Romanen Im Land der letzten Dinge und der New York Trilogie. Heute lebt er in Brooklyn. Er ist mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet und hat zwei Kinder. Sein umfangreiches, vielfach preisgekröntes Werk umfasst neben zahlreichen Romanen auch Essays und Lyrik sowie Übersetzungen zeitgenössischer französischer Lyrik. (Quelle: Rowohlt)

Wie auf so viele andere Autoren wurde ich auf Auster erstmals durch die SZ-Bibliothek aufmerksam. Stadt aus Glas war eine unglaubliche Leseerfahrung – wenn ich auch lange Zeit nicht genau einzuordnen wusste, was ich da eigentlich in Händen halte. Anfangs noch eine klassische Kriminalgeschichte, zerfällt der Inhalt mehr und mehr in sich zusammen; sicher geglaubte Tatsachen geraten ins Wanken und werden ins Gegenteil verkehrt. Was ist erzählte Realität und was Illusion? Wer ist Protagonist und wer Antagonist? Was ist überhaupt noch sicher, wenn alles immerzu in Bewegung ist und man als Leser ad absurdum geführt wird? Wer einmal Shutter Island gesehen hat, wird verstehen was ich meine.

Paul Auster erzählt nun einmal keine Geschichten, zu denen man sich mit einem Heißgetränk in eine Decke einhüllt und kuschlig-weich hinwegtragen lässt. Auster ist in seinem Schreiben Existenzialist und erfordert damit ein Lesen außerhalb der Komfortzone. Themen wie Identitätsverlust und -suche, urkörperliche Existenzängste oder ein Leben im Provisorium durchziehen sein Werk und haben mich beim Lesen nie unbeteiligt außen vor gelassen. In dieser Liga hat jeder Schriftsteller sein Alleinstellungsmerkmal, sein unnachahmliches Talent – das von Auster ist die Schaffung eines luftleeren Raums, in dem seine Figuren wie in einem Diorama für sich stehen. Wie unter einer Glocke ist seine Welt ein wenig stiller und jede menschliche Interaktion gedämpfter. Dies könnten sehr traurige Orte sein, wenn es nicht den Zufall gäbe. Aussichtslose Schicksale wandeln sich zum Guten und Hoffnung macht sich dort breit, wo diese ausgeschlossen erschien.

The world is so unpredictable. Things happen suddenly, unexpectedly. We want to feel we are in control of our own existence. In some ways we are, in some ways we’re not. We are ruled by the forces of chance and coincidence.

Ich mag Bücher, die den Schaffensprozess des Schreibens zum Gegenstand haben. Insofern kommt mir Auster sehr entgegen. In nahezu jedem seiner Bücher geht es offenkundig oder verdeckt um Literatur. Schriftsteller besiedeln seine Bühnen; manche davon sind mit eindeutigen Bezügen zu Austers eigenem Leben versehen. Versuche der Literaturwissenschaft, in seinem Werk seiner Biographie nachzuspüren liegen nahe – Austers Kritik daran ist freilich vielfach bekannt. Nichtsdestotrotz gefiel es mir, Mond über Manhattan als Bildungsroman zu verstehen, in dem sich der reale Auster mal mehr und mal weniger deutlich zu erkennen gibt und mich als Leser über meine eigene Konsequenz im Leben sinnieren lässt.

Sicherlich braucht all das sein Timing im eigenen Lebenslauf. Mond über Manhattan würde ich heute gewiss anders lesen und auslegen als vor zehn Jahren. Was bleibt, sind Erinnerungen. Und Auster verdanke ich durch nichts zu ersetzende Erinnerungen an einzigartige Lesemomente. An sich selbst revidierende und in Frage stellende Charaktere, an schleichende Verwahrlosungen und schizoide Persönlichkeitsstörungen oder an das New York nach 9/11. Auster ist harter Tobak und dafür liebe ich ihn.

We are left with nothing but death, the irreducible fact of our own mortality. Death after a long illness we can accept with resignation. Even accidental death we can ascribe to fate. But for a man to die of no apparent cause, for a man to die simply because he is a man, brings us so close to the invisible boundary between life and death that we no longer know which side we are on. Life becomes death, and it is as if this death has owned this life all along. Death without warning. Which is to say: life stops. And it can stop at any moment.

In seinen neueren mir bekannten Büchern spüre ich leider nicht mehr die Radikalität des Frühwerks. Auster ist gefälliger geworden, weniger konsequent und weniger Bedachtsamkeit einfordernd. Sunset Park bspw. ist ein sehr gutes Buch – es erreicht aber nicht mehr die Qualität von einst. Zwar beweist Auster auch hier seine Könnerschaft im Aufbau einer alles verlangsamenden und melancholisch-zähen Atmosphäre, aber er verlässt das zu erzählende und sezierende Individuum zugunsten gesellschaftspolitischer Themen. Terrorgefahr, Wirtschaftskrise und Homeland Security finden Einzug in seine Bücher und rücken seine Figuren in den Hintergrund. Man spürt ihm an, dass er nun aufs Ganze gehen will, aufrütteln und Stellung beziehen, aber das ist selbst für einen Auster leider zuviel des Guten. Und nun 4321. Was habe ich davon zu erwarten? Großartig soll es sein und ich möchte das zu gerne glauben. Aber ist es auch großartig im Auster-klassischen Sinne? Ich bin skeptisch und übe mich noch etwas in Geduld.

Lesetipps

Die New York Trilogie (Original: The New York Trilogy). 1987.

Mond über Manhattan (Original: Moon Palace). 1989.

Leviathan. 1992.

Die Brooklyn-Revue (Original: The Brooklyn Follies). 2005.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: