Rezensionen

O’Nan, Stewart: Letzte Nacht

Manche Bücher kauft man wegen des Autors, andere aufgrund der Story und wieder andere, weil man das Setting mag. Letzteres war bei mir bei „Letzte Nacht“ der Fall. Aus dem ehemaligen „Manufacturing Belt“ im Nordosten der USA ist längst der „Rust Belt“ geworden. Ein notwendiger Strukturwandel wurde versäumt und die immer kleiner werdende Mittelschicht sieht sich zunehmenden Existenzängsten ausgesetzt. Stewart O’Nan ist ihr meisterliches Sprachrohr.


Der erste Satz
Mall traffic on a gray winter’s day, stalled.

Eeine Rezension im Feuilleton hatte mich seinerzeit neugierig gemacht auf den Mann, den Stephen King als einen seiner besten Freunde bezeichnet. Eine ungewöhnliche Freundschaft, denn anders als sein berühmter Kollege arbeitet sich O’Nan akribisch an der realen Alltagswelt ab und setzt nicht auf Spannung, sondern bedient sich in seinen feinen Charakterzeichnungen der leisen Tönen. Seine Helden sind die einfachen Leute; die Arbeiter und Angestellten, bei denen trotz Schichtarbeit und zusätzlichen Jobs am Monatsende nichts übrig bleibt. O’Nan spürt der Frage nach, wie diese reagieren, wenn sie durch besondere Ereignisse aus ihrer gewohnten Gefühlswelt herausgerissen werden; sei es durch den Verlust eines Menschen (Alle, alle lieben dich) oder des Arbeitsplatzes wie in Letzte Nacht.

Manny führt eine Filiale der „Red Lobster“ Restaurantkette. Der Standort ist rentabel und wird dennoch geschlossen. Zu verstehen ist das nicht, weder von Manny, noch von den Stammgästen und erst recht nicht von den Angestellten. Eine Handvoll von ihnen durfte Manny benennen und auf andere Niederlassungen verteilen – der Rest muss gehen. So ist das in den USA. Mit Beginn der letzten Schicht zieht ein Schneesturm heran, der Verkehr auf dem nahegelegenem Highway fließt nur noch spärlich. Viel Kundschaft ist an einem solchen Abend nicht zu erwarten aber Manny will in Würde den Schlüssel herumdrehen und erwartet noch einmal das Beste von jedem einzelnen. Letzte Nacht entfaltet sich als intimes Kammerstück um den verbliebenen harten Kern.

Allen voran Manny, der als Paradebeispiel verinnerlichter Unternehmensphilosophie auch in den letzten Stunden seinen Gästen den gewohnten Service anbietet. Er muss dazu keinen Gehorsam erzwingen. Ihm folgt man, weil er so ist, wie er ist – ein grundanständiger Kerl, der zuhört und versteht und sich selber die Finger schmutzig macht. Kein böses Wort kommt über seine Lippen. Weder über das unnahbare Management noch über den Barkeeper, der die Gunst der Stunde nutzt und einige Flaschen mitgehen lässt. Mit einem kaum zu begreifenden Sanftmut führt er das Restaurant als ginge es morgen weiter und als würde er morgen nicht zum einfachen Angestellten degradiert werden.

The bathrooms are clean, and he takes care of the worst of the foyer and the hall carpet with the push sweeper. He can vacuum the dining room in the morning – but see, he’s thinking like it’s any other night. There’s no point vacuuming, or even sweeping up, because they’re going to tear the place apart. Just as there’s probably no point worrying about his inventory. He’s already been demoted.

Seitenlang beschreibt O’Nan jeden einzelnen Handgriff, seziert die Arbeitsabläufe und die Anforderungen der Systemgastronomie bis ins Kleinste. Das ist kein Lesevergnügen, das wird beinahe selbst zur Arbeit. Aber dabei verharrt er nicht in einer reinen Dokumentation, sondern schildert die kleinen Abweichungen und Ausbrüche von dieser Routine als das wirklich Ereignishafte an diesem Tag. Es findet kein Aufbegehren statt, aber man spürt den Anwesenden an, wie gerne sie es täten und wie sie nur Manny zuliebe darauf verzichten und sich statt dessen mit ihren Gefühlen still abfinden. Extrem nah und einfühlsam entwirft O’Nan das Bild jedes Einzelnen, grenzt es voneinander ab und verleiht ihm eine Tiefe, die angesichts des geringen Umfangs außergewöhnlich ist. Das sind keine Stereotypen, sondern Menschen, die Angst um ihre Existenz haben und von O’Nan mit einer Liebe und Achtung gezeichnet werden, die ihnen zusteht.

In einem größeren Kontext betrachtet, wirft Letzte Nacht ein erschreckend ungeschminktes Bild auf die Ohnmacht der „Lower Working Class“ in den USA – ohne qualifizierte Ausbildung bleiben die meisten von der Willkür ihres Arbeitgebers abhängig. Der Verlust des Arbeitsplatzes gefährdet damit auch gleichzeitig die eigene Existenz. Wie sich ein Mensch fühlt, der am Rande des Abgrunds steht und in eine unsichere Zukunft blickt, das zeigt Letzte Nacht so eindringlich wie wenige andere Bücher.

Was bleibt?

Letzte Nacht ist ein Krisenroman vor der erst noch anrollenden Wirtschaftskrise. O’Nan schreibt, wie es vielleicht nur einer aus dem niedergangserprobten Pittsburgh schreiben kann – schicksalsergeben, würdevoll und unaufgeregt. Doch es sind beileibe nicht nur die nahe gehenden Einzelschicksale, die im Gedächtnis haften bleiben. O’Nan ist ein Meister der Atmosphäre. Wie der Schnee nach und nach den Verkehr lahmlegt und neben den Geräuschen auch alle Emotionen dämpft bis nur noch eine sanfte Traurigkeit verbleibt, ist unglaublich eindrücklich geschrieben und macht dieses dünne Buch zu etwas Besonderem.



Bibliographische Angaben

O’Nan, Stewart: Letzte Nacht (Original: Last Night at the Lobster). Erstmals erschienen 2007.

Taschenbuchausgabe: Rowohlt. 160 Seiten. ISBN 978-3499248986.

  1. Für mich ein ganz großes buch, auch wenn es nur so schmal ist. Schön, dass du auf es aufmerksam machst. Viele Grüße, Petra (Wirklich schönes Blog übrigens!)

    • Schön, dass Du das auch so siehst. Für mich müssen es nicht immer die gewaltigen Bücher sein, die mit Nachdruck haften bleiben.

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