Rezensionen

Nabokov, Vladimir: Pnin

Ich erlebe es des Öfteren, dass meine Bewunderung für ein Buch auf den Autor übergeht und sein Gesamtwerk für mich dennoch seltsam verstellt bleibt. Mit Nabokov ging es mir lange Zeit so. „Lolita“ war umwerfend! Ich liebe es bis heute und trotzdem wagte ich mich nicht an andere Bücher von ihm heran. Wo ansetzen, um nicht enttäuscht zu werden im Vergleich zum Über-Buch? Wie so oft half der Zufall und ich machte die Bekanntschaft von „Pnin“. Eine schöne Fügung, die mir Nabokov deutlich zugänglicher machte.


Der erste Satz
Der ältere Reisende, der da auf der Nordfensterseite jenes unerbittlich dahinrollenden Eisenbahnwagens saß, neben sich einen leeren Sitzplatz und zwei leere gegenüber, war niemand anderer als Professor Timofey Pnin.

Bücher leben immer von ihren Charakteren. Sie stehen im Mittelpunkt der Erzählung, zu ihnen baut man als Leser eine Beziehung auf und nimmt im glücklichsten Fall Anteil an ihnen. Die meisten Autoren sind so klug und gestalten ihren Protagonisten offen – ein großer Teil der Persönlichkeit wird zwar angelegt aber es verbleibt noch genügend Raum, so dass dem Leser mit seinem eigenen Erfahrungsschatz das restliche Vakuum auszufüllen erlaubt ist. In Pnin geht Nabokov einen anderen Weg. Pnin ist einer der in sich abgeschlossensten Charaktere, die ich kenne. Wie einen Fremden auf der Straße lerne ich ihn erst über seine Taten und geäußerten Ansichten näher kennen – Pnin ist Pnin und ich bin es nicht.

Timofey Pnin ist ein Relikt des zaristischen Russlands, ein kauziges Überbleibsel der bürgerlichen Gesellschaft. Nach der Oktoberrevolution flieht er über Paris in die Vereinigten Staaten und bleibt fortan ein Fremder im Exil. Er unterrichtet an einem unbedeutendem College in einem unbedeutendem Provinzkaff mehr oder minder talentierte Studenten in seiner Muttersprache. Unglücklicherweise heizt Senator McCarthy zur gleichen Zeit die antikommunistische Atmosphäre in den USA stark an – die Nachfrage nach Russischkursen ist entsprechend übersichtlich. Eine eigene Slawistik-Abteilung wäre pure Träumerei, die Realität eine zunehmend unsichere Lehrbeauftragtentätigkeit am übergeordneten Lehrstuhl für Germanistik. Dazu ein Gastvortrag hier und die Arbeit an der eigenen Veröffentlichung dort – die in Europa erworbenen Meriten sind fern und das wissenschaftliche (Über-) Leben in den USA hart.

Das klingt nach einem Buch voller Selbstmitleid, Verdruss, gar Selbstaufgabe. Das ist es jedoch zu keiner Zeit. Pnin empfindet große Sympathie für die Amerikaner und tut sein Möglichstes, die fremde Kultur zu assimilieren. Leider kommt ihm da die Sprache in die Quere. Das Englische bleibt ihm verwehrt, will ihm weder in den Kopf noch über die Zunge, so dass er radebrechend allernorts für unbeabsichtigte Belustigung sorgt. In Kombination mit seinen antiquiert wirkenden europäischen Schrulligkeiten ist Pnin ein Ritter der traurigen Gestalt, dem zwar Sympathie entgegengebracht wird, wahre Achtung und Zugehörigkeit aber vorenthalten bleibt.

Pnin hatte schon zu Anfang des Jahres bei der Fahrschule von Waindell Unterrichtsstunden genommen, doch war ihm das „wahre Verständnis“, wie er es ausdrückte, erst zuteil geworden, als er ein paar Monate später wegen Rückenschmerzen das Bett hüten mußte und nichts anderes getan hatte, als mit profundem Genuß das vierzigseitige Autofahrerhandbuch zu studieren. (…) Während der tatsächlichen Stunden mit einem barschen Fahrlehrer, bei dem sich sein Stil verkrampfte, der unnötige Anweisungen in technischem Slang herausbellte, ihm in den Kurven das Lenkrad zu entwinden suchte und einen ruhigen, intelligenten Schüler mit Ausdrücken ordinärer Verunglimpfung irremachte, war Pnin völlig außerstande gewesen, das Auto, das er in seiner Vorstellung lenkte, mit dem Auto, das er auf der Straße fuhr, wahrnehmungsmäßig zu vereinbaren.

Dass ich mich als Leser belächelnd in den Kreis derer einreihe, die in Pnin zuvorderst ein unterhaltsames Unikat überkommenen Gelehrtentums sehen, liegt an der Struktur des Buches. Nabokov lässt Pnins Geschichte von einem alten Bekannten aus gemeinsamen russischen Tagen erzählen. Die Namensgebung dieses Erzählers mit N. befeuert schon seit der Ersterscheinung die Frage, ob Nabokov sich hier selbst einbringt. Das mag sein, spielte für mich jedoch keine Rolle. Entscheidend ist die von N. ausgehende Ambivalenz.

N. ist ebenfalls Exilant; im Gegensatz zu Pnin hat er es in Übersee allerdings geschafft. Er ist angesehen, erfolgreich, fabelhaft integriert – und bringt mir als Leser Pnin aus diesem Selbstverständnis heraus näher. Lesend nehme ich nicht nur seine weltmännische Gewandtheit an, sondern leider auch seine zwar humorvolle aber dadurch nicht weniger spitze Überheblichkeit. Doch nun passiert das Spannende. Gegen Ende wird N. selber zur handelnden Romanfigur und agiert dabei nicht gerade glücklich. Moralisch mehr als fragwürdig übervorteilt er Pnin und stellt damit seine Integrität als Erzählinstanz unwiderruflich in Frage. Der Tenor der Erzählung kippt. Pnin offenbart in der Krise Facetten, die ich ihm zuvor nicht zugestanden hätte und lässt mich getäuscht und schlecht fühlend zurück – getäuscht von N. und schlecht aufgrund meiner nahezu unreflektiert übernommenen Werturteile.

Pnin ist ein Buch, das den Wandel dieser Erzähl- und Moralperspektive zum eigentlichen Inhalt erhebt. Die Buchstruktur ist sinnstiftend geworden und ein Paradebeispiel für eine durchdachte und dennoch wunderbar eingebettete Komposition, die zu keiner Zeit aufgesetzt erscheint. Wie in Lolita spielt Nabokov mit persönlichen Einstellungen und festgefahrenen Meinungen. Anders als sein berühmteres Buch ist Pnin jedoch von hohem moralischen Wert, indem ich meine allzu voreilige Übernahme von Vor- und Aburteilungen zu hinterfragen gezwungen bin.

Was bleibt?

Die Gewissensbisse gegen Ende der Lektüre sind ohne Frage eindrücklich; trotz alledem ist Timofey Pnin das eigentliche Ereignis des Buches. Fernab des Klischees vom zerstreuten Professor ist es Nabokov gelungen, einen authentischen Antihelden zu zeichnen, der trotz aller ungewollter Komik und seinem Anderssein stets seine Würde und Haltung bewahrt. Das ist große Erzählkunst von einem heute zu selten gelesenen großen Erzähler.



Bibliographische Angaben

Nabokov, Vladimir: Pnin. Aus dem Englischen von Dieter E. Zimmer. Erstmals erschienen 1957.

Taschenbuchausgabe: Rowohlt. 299 Seiten. ISBN 978-3499225444.

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