Rezensionen

Morrison, Toni: Gott, hilf dem Kind

Belehrende Literatur ist nicht auszuhalten. Ganz besonders nicht, wenn sie moralisch belehrt. Das ist das Grundproblem von Minderheiten angehörenden Schriftstellern, die ihr religiöses, sexuelles oder sonstiges Anderssein innerhalb einer größeren Gruppe zum Thema ihres Schreibens machen. Dies hat man bei Toni Morrison nicht zu befürchten. Sie ist zwar die afroamerikanische Autorin schlechthin, aber nicht, weil sie schreibend predigt, sondern weil sie auch im hohen Alter ein herausragendes literarisches Können besitzt.


Der erste Satz
Ich kann nichts dafür.

Lula Ann ist schwarz. Nicht ein wenig schwarz, sondern tiefschwarz. Lula Anns Eltern hingegen so hell, dass sie fast als Weiße durchgehen könnten. Und da fangen die Probleme an. Der Vater wittert Ehebruch und verabschiedet sich; die Mutter geht auf Distanz zu ihr und behandelt sie wie eine Aussätzige. Dabei will sie mit diesem Verhalten nur das Beste – Lula Ann stark machen für das Leben, das sie erwartet. Sie bereit machen für die Schmähungen und Anfeindungen, die sie als afroamerikanische Frau auch noch heute zu ertragen haben wird. Aber wie soll ein Kind das verstehen, das sich vor allem doch nur nach Liebe sehnt?

Aber ja, manchmal finde ich es mies, wie ich Lula Ann behandelt habe, als sie klein war. Aber ihr müsst eins verstehen: Ich musste sie schützen. Sie wusste nichts von der Welt. Es hatte keinen Sinn, zäh und aufmüpfig zu sein, selbst dann nicht, wenn man im Recht war. Nicht in einer Welt, in der man im Jugendknast enden konnte, wenn man in der Schule frech war oder geschlägert hat, einer Welt, in der du der Letzte warst, der einen Job bekam, aber der Erste, der gefeuert wurde.

Lula Ann reagiert auf ihre Art. Sie wird nicht die unterwürfige und unsichtbare Frau, die ihre Mutter aus ihr machen wollte. Stattdessen deutet sie ihren anerzogenen Makel um, kleidet sich fortan nur noch in reines Weiß und trägt ihre schwarze Haut selbstbewusst wie ein Modeaccessoire. Sie erfindet sich neu, gibt sich den Namen Bride und steigt auf zur Bereichsleiterin eines Beautykonzerns mit eigener Produktlinie. Das Leben meint es gut mit ihr. Selbst der passende Mann scheint gefunden. Jedenfalls bis er sich rüde davon macht mit dem verletzenden Hinweis, sie sei nicht die Frau, die er wolle. Aus Bride wird wieder Lula Ann, aus der taffen Businessfrau das verletzte schwarze Kind, das die Muster der Kindheit erneut durchlebt. Doch dieses Mal sucht Bride die Konfrontation, lässt sich nicht abspeisen mit Zurückweisung, sondern fordert Erklärungen ein. Die bekommt sie und muss dabei lernen, dass nichts so ist wie es scheint und wir alle unser Päckchen zu tragen haben.

Das alles lässt sich wunderbar erzählen und ist eine dankbare, fast schon zu konstruierte Story – wäre da nicht Morrisons Erzählkunst. Als Leser ist man die meiste Zeit ebenso ahnungslos wie Bride. Nur nach und nach verfestigt sich Ahnung zur Gewissheit, setzen sich Fragmente zu Erkenntnissen zusammen. Und dabei kommt Bride zusehends schlechter weg. Morrison wechselt häufig die Erzählperspektive, relativiert dabei bereits Erzähltes und lässt Bride in anderem Licht da stehen. Passt ihr wirklich die Rolle des moralisch erhobenen Opfers? Sagt sie die Wahrheit oder lügt sie mich als Leser an? Sobald erste Zweifel gesät sind, sieht man Bride mit anderen Augen und es verbleibt ein fader Nebengeschmack, den sie trotz allen Leids nicht mehr komplett abstreifen kann. Gott, hilf dem Kind lebt von dieser zunehmenden Distanz zur Hauptfigur. Morrison gleitet technisch dazu zeitweise in einen magischen Realismus ab und stellt den Leser vor die Entscheidung – glaubst du ihr trotzdem oder nicht?

Wollte man Gott, hilf dem Kind ein Thema zuordnen, wäre dies Ambivalenz. Nichts ist, wie es zunächst scheint. Klare Positionen lösen sich auf, verschwimmen und am Ende bleibt die Erkenntnis, dass man anderen ihre Lebensgeschichte nicht ansieht und jeder aus dieser heraus plausibel für sich handelt. Diese Erkenntnis ist sicherlich nicht neu, aber selten wurde sie derart präzise literarisch bearbeitet und hergeleitet. Man kann bemängeln, dass Morrison für diese thematische Zuspitzung ihren Figuren charakterliche Tiefe vorenthält. Was für den Plot nicht erforderlich ist, wird vernachlässigt. Das ist nur konsequent. Schade ist es trotzdem, wenngleich man spürt, dass dieses auf den Punkt reduzierte Buch kein „mehr“ von irgendwas vertragen hätte, ohne sofort an Qualität einzubüßen. Gott, hilf dem Kind ist also vor allem klug konstruierte und handwerklich äußerst präzise Literatur, die ich als solche bewundernd genießen konnte. Überschwänglichkeit schließt sich damit aus.

Was bleibt?

Gott, hilf dem Kind hält mich auf Distanz. Bride ist unsympathisch und die anderen Figuren gefangen in ihren zu spielenden Rollen. Was mich hingegen wirklich staunend zurück gelassen hat, ist Morrisons Kunstfertigkeit im Auslassen. Wie aus dem Nichts entwickelt sie Szenen, die man so nicht hat kommen sehen und die sich in ihrer erzählten Knappheit und Dichte dadurch umso mehr ins Gedächtnis einbrennen. Wenige Worte reichen Morrison, kaum Nachempfindbares erlebbar zu machen und mich als Leser betroffen und überfordert zurückzulassen. Schon für diese Szenen allein ist Gott, hilf dem Kind unbedingt lesenswert.



Bibliographische Angaben

Morrison, Toni: Gott, hilf dem Kind (Original: God Help the Child). Aus dem Amerikanischen von Thomas Piltz. Erstmals erschienen 2015.

Gebundene Ausgabe: Rowohlt. 204 Seiten. ISBN 978-3498045319.

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