Meinung

Mehr als Kalendersprüche

Wie viele Sätze habe ich wohl schon konsumiert? Selbst für mich, der ich mit einer bestenfalls durchschnittlichen Lesezeit auskommen muss, werden es unzählbar viele gewesen sein. Die meisten davon habe ich wieder vergessen kurz nachdem ich sie gelesen habe. Alltagsdialoge, Ortsbeschreibungen, Handlungskatalysatoren. Aber dazwischen blitzen Sätze auf, die einen aufmerken lassen, die Dich anspringen und die für sich stehen.



Diese können mit der Brechstange komponiert sein und bestenfalls als Kalenderspruch durchgehen. Bemerkenswert wird es aber, wenn sie gefällig daher kommen, Dich etwas angehen und etwas mit Dir machen. Früher habe ich diese Sätze gesammelt – markiert, niedergeschrieben. Ich war besessen davon und habe jeden halbwegs gescheiten Satz auf Kompatibilität zu meiner Lebenssituation abgeklopft. So ist das, wenn man jung ist und das ist auch gut so. Bedenklich wird es erst, wenn Zitate das eigene Denken ersetzen. Wenn man die Kreativität eigener Gedankengänge vernachlässigt zugunsten dem Anvertrauen fremder Genien. Das ist ein schmaler Grat und ich habe ihn mehr als einmal überschritten.

Vor ein paar Tagen habe ich meine alten Notizbücher entdeckt und in ihnen geblättert. Ich habe ganz offenkundig Hesse geliebt, Handke auch, Mann wohl dosiert. Das meiste davon hätte ich mir heute noch nicht einmal mehr unterstrichen, früher war es mir ein Niederschreiben wert. Und das ist das eigentlich Interessante – es ist erstaunlich, wie tief mich damals gewertschätzte Zitate in meine damalige Seele blicken lassen. Mindestens so viel wie jeder (theoretische) Tagebucheintrag sagen sie etwas über die Gemütsverfassung und Lebenssituation des Sammlers aus.

Denn was lässt Einen beim Lesen aufhorchen? Doch in erster Linie die Sätze und Passagen, die eine Brücke von der Literatur in die höchstpersönliche Alltagswelt zu schlagen vermögen. Ein Schriftsteller kann so subjektiv schreiben, wie er will – am Ende sucht der Leser doch immer nur sich selbst im Text. Zitate zu sammeln hieße in dieser Deutung die Konservierung des eigenen Erfahrungsschatzes im Gelesenen.

Ein schöner Gedanke wie ich finde. Und ein Motiv dazu, mit dem ich mich wieder anfreunden kann. Schade um die hunderten Bücher, deren sammelwürdigen Sätze unkonserviert an mir vorübergingen. Aber auch schön für die Bücher, die noch auf mich warten und das werden hoffentlich nicht wenige sein. Ich schau einmal, in welcher Form ich diese teilen kann. Das erste habe ich bereits gefunden. Dieses Mal von Houellebecq.

  1. Hallo Stefan,

    deinen Blog habe ich durch den Buchblog Award entdeckt und ich bin sehr begeistert. Einige der von Dir besprochenen Bücher habe ich schon gelesen, ich finde deine Ansichten inspirierend und zutreffend. Vielen Dank für diese schöne Seite!

    • Hallo Sassa,

      vielen Dank für Dein tolles Feedback! Das zu lesen, motiviert mich ungemein und ich freue mich, dass ich mit meinem Geschmack und meinen Ansichten nicht ganz allein stehe.

      Ich werde also auch zukünftig für regelmäßigen Lesenachschub sorgen und würde mich sehr freuen, Deine Meinung dazu zu erfahren.

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