Rezensionen

McCullers, Carson: Frankie

Wir leben in komplizierten Zeiten – wobei Menschen zugegebenermaßen sicherlich zu jeder Zeit dieses Gefühl hatten. Literatur als Spiegel und Katalysator der gesellschaftlichen Verhältnisse bleibt davon nicht unbeeinflusst. Das ist richtig und wichtig, aber manchmal muss es dann eben einfach McCullers sein – quasi als gelesene Entschleunigung.


Der erste Satz
Es geschah in jenem grünen und verrückten Sommer, als Frankie zwölf Jahre alt war.

Frankie hat es nicht einfach. Die einsetzende Pubertät meint es nicht gut mit ihr. Andere Mädchen in ihrem Alter entwickeln erste Anzeichen einer grazilen Fraulichkeit, sie hingegen wächst heran zu einer grotesken Bohnenstange und wird mit Spott überzogen. Vermeintliche Freundschaften zerbrechen, ihr Vater hat nie Zeit und die dringend benötigte Mutter ist zu früh verstorben. Soziale Kontakte? Nur Berenice, die dunkelhäutige burschikose Seele von Haushälterin und als einzigem Spielkameraden ihr deutlich jüngerer Cousin. Der Sommer dehnt sich ins Unendliche. Da kann man schon einmal fixe Ideen entwickeln. Die anstehende Hochzeit ihres Bruders erscheint Frankie als realistische Chance, vom jungen Paar alsbald mit in die weite aufregende Welt genommen zu werden.

Die zu erahnende Ernüchterung ob der unausweichlichen Enttäuschung durchtränkt das Buch von den ersten Seiten an. McCullers-typisch macht sich eine Melancholie breit, die kein Entrinnen möglich erscheinen lässt – der aber auch jede eiseskalte Schärfe fehlt. Ihr unter der Sommersonne gemächlich dahinfließendes Leben im Süden der USA ist trostlos, aber niemals ohne Mitmenschlichkeit. Aber Frankie will von ihren Mitmenschen nichts mehr wissen. Sie ist voller ungerichteter Wut und rebelliert. Und wie immer, wenn es keinen triftigen Grund gibt, ist die Rebellion so unbestimmt und unfair wie sie nur sein kann und richtet sich gegen das gegebene und gelebte Leben an sich.

Dinge, die sie früher nie beachtet hatte, taten ihr nun weh: die hellen Fenster, die sie abends vom Trottoir aus beobachtete, oder eine fremde Stimme in der Straße. Sie starrte die hellen Fenster an, horchte auf die Stimme. Etwas in ihrem Inneren verkrampfte sich. Sie wartete. Aber die Lichter erloschen, die Stimme verstummte. Sie wartete weiter, aber es geschah nichts mehr. Diese Dinge machten ihr Angst. Sie fragte sich, wer sie eigentlich sei, was sie hier wolle in der Welt, und weswegen sie grade jetzt in dieser Minute ganz allein zu den hellen Fenstern aufblicke und ins Dunkle hinaushorche und den Himmel betrachte. Sie fürchtete sich, und sie hatte ein seltsames enges Gefühl in der Brust.

Man kann Frankie also durchaus als Bildungsroman lesen, als immergültige Erzählung von den Nöten des Erwachsenwerdens. Und es gibt nicht wenige, die in Frankie einen weiblichen Holden Caulfield sehen. All das liegt nahe und ich habe mich dem gerne über weite Passagen angeschlossen. Das Resultat ist lesenswert, aber die eigentliche Faszination, das eigentlich Bemerkenswerte vollzieht sich erst zur Mitte des Buches. Frankie beschließt von einem Tag auf den anderen, ihre Identität zu ändern. Sie nennt sich fortan F. Jasmine und entwickelt die Attitüde, die sie sich zu geben gedenkt, wenn sie erst einmal mit ihrem Bruder und seiner Braut um die Welt fährt. Sie stolziert wie neugeboren durch die Straßen der Kleinstadt und betrachtet entrückt die Orte ihrer Kindheit. Sie wird leutselig, verkehrt in Bars und lässt sich mit Soldaten auf Heimaturlaub ein. Ihr Selbstbild ist radikal geändert, nur weil sie es so will und sie selbst daran glaubt. Ein faszinierendes Gedankenspiel.

Ganz ohne gesellschaftliche Kritik kommt Frankie nicht daher. So offen wie sonst selten setzt sich McCullers mit der Rassentrennung auseinander und bezieht eindeutige humanistische Stellung. Frankie aufgrund dessen in eine Linie zum später erschienenen Wer die Nachtigall stört stellen zu wollen, ist aus meiner Sicht zwar verführerisch, aber unangebracht. Viel größere Kraft und literarische Sogwirkung entwickelt Frankie, wenn man jede aufklärerische Intention hintanstellt und man sich einfach nur dem Spiel von Identität und Selbsterfindung hingibt. Frankie bestellt in diesem Sinne das gleiche Feld wie 4 3 2 1 oder Mein Name sei Gantenbein. Letzteres besitzt ohne Zweifel die höhere literarische Brillanz, aber McCullers bietet ebenso eindeutig das größere Lesevergnügen.

Was bleibt?

Ich freue mich stets, wenn ich an vermeintlich vertrauten Schriftstellern neue Seiten entdecken darf. Bei McCullers habe ich nichts Neues mehr erwartet, sondern Variationen des Altbekannten erhofft. Ihr Schreiben ist Kunst, ihre Szenen Poesie, die zur Kraftentfaltung nur ihrer unvergleichen Atmosphäre bedürfen. Das allein reicht mir. Nun habe ich noch eine konzeptionelle Stärke ausgemacht, die ich so nicht kannte und die McCullers mir endgültig zu einer meiner Liebsten macht.



Bibliographische Angaben

McCullers, Carson: Frankie (Original: The Member of the Wedding). Aus dem Amerikanischen von Richard Moering. Erstmals erschienen 1946.

Gebundene Ausgabe: Diogenes. 288 Seiten. ISBN 978-3-257-06802-3.

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