Rezensionen

McCullers, Carson: Die Ballade vom traurigen Café

Diogenes stattet seit jeher alle Bücher von McCullers mit Bildausschnitten von Edward Hopper aus. Das ist kein Zufall. Besser lässt sich die wunderbar zarte Stimmung nicht illustrieren, die mich immer wieder in ihren Bann zieht und mich immer wieder daran erinnert, mehr vom – leider viel zu kleinen – Gesamtwerk der Schriftstellerin zu entdecken.



Der erste Satz
Die Stadt selbst ist trostlos; da ist nicht viel außer der Baumwollspinnereien, den zweireihigen Hütten für die Arbeiter, ein paar Pfirsichbäumen, einer Kirche mit zwei bunten Glasfenstern und einer schäbigen Hauptstraße von knapp hundert Metern Länge.

Die Kleinstadt im Süden der USA zieht sich als Schauplatz wie ein roter Faden durch das Gesamtwerk von McCullers. So auch in dieser Novelle, die von einigen Kritikern als ihr bedeutendstes Buch bezeichnet wird. Schon im ersten Satz wird der typisch melancholische Tenor festgelegt, der das ganze Buch durchzieht und allen auftretenden Charaktere eigen ist. Allen voran Miss Amelia. Zu einigem Reichtum gekommen, zeichnet sie sich durch außergewöhnlichen Geiz und eine außergewöhnliche Prozessierungswut gegenüber ihren Mitmenschen aus. Verbunden mit ihrer androgynen Schroffheit macht sie das zu einer Außenseiterin in der Gemeinde, die letztlich nur dank ihres Gemischtwarenladen eine soziale Isolation erspart bleibt. Ihre fehlende Empathie und Kontaktunfähigkeit ist dennoch legendär und gipfelte in der kurzen Ehe mit Marvin Macy, den sie trotz – oder gerade wegen – seiner Liebesbekundungen nach nur zehn Tagen aus dem Haus warf.

Das ändert sich erst mit dem Auftritt des Buckligem, ihrem angeblichen Vetter Lymon Willis. Entgegen aller Erwartungen nimmt Miss Amelia ihn bei sich auf. Wie durch ein Wunder erweicht er ihr Herz, krempelt ihr Leben um und aus dem Laden wird kurzerhand ein Café. Dank des selbstgebrannten Whiskies und seiner Possenreißerei wird das Café rasch zum abendlichen Mittelpunkt der Kleinstadt, in dem die Landarbeiter der umliegenden Baumwollspinnereien und Plantagen ihren Tag ausklingen lassen. Die vordergründige Heiterkeit des Buckligen bekommt jedoch bald Risse. Immer öfter zeigt sich seine Hinterlist und Zanklust; gezielt schürt er Streit unter den abendlichen Besuchern und empfindet dabei eine diebische Freude.

Trotz der dabei entstehenden Spannungen entsteht beim Lesen dieses Abschnitts so etwas wie kurzzeitiges Glück. Die Isolation der Charaktere scheint aufgehoben, das Café ist zum Zufluchtsort geworden und die sich dort abspielenden Anekdoten lösen ein wehmütiges Lächeln aus. McCullers versteht es dabei wunderbar, in jedem Moment die Vergänglichkeit und Verletzlichkeit dieses Glücks durchscheinen zu lassen und so überrascht es nicht, dass die Handlung mit dem Auftauchen des inzwischen mehrfach straffällig gewordenen Marvin Macy eine abrupte Änderung nimmt und auf einen unabwendbaren Showdown hinausläuft.

Die Uhren im Städtchen schlugen acht. Noch immer hatte sich nichts ereignet. (…) Sie sprachen nicht und taten nichts weiter als warten. Sie wußten nicht, worauf sie warteten, aber es ist nun einmal so: in Zeiten allgemeiner Spannung, wenn ein großes Ereignis bevorsteht, versammeln sich die Leute so und warten.

Was diese Dreiecksgeschichte so besonders macht, sind die handelnden Personen. Alle drei sind auf eine jeweilige Art vom Schicksal entstellt und tragen ihre Wunden grotesk vor sich her. Auch hier zeigt sich eines der Grundthemen McCullers‘: ihre Vorliebe für Außenseiter und die seelisch bzw. körperlich Verkrüppelten. Durch die alleinige Charakterisierung anhand ihrer Schwächen weisen Miss Amelia, der Bucklige und Macy eine geringe Tiefe auf und werden so zu Kunstfiguren überhöht. Dies schafft zunächst einmal Distanz zum Leser – wahre Anteilnahme stellt sich zu keiner Zeit ein.

Wie in einem Kammerstück entfaltet sich vor dem unbeteiligten Betrachter aktweise das Geschehen und treibt seinem absehbaren Höhepunkt entgegen. Das dies kein Nachteil ist, liegt zu einem nicht unwesentlichen Anteil an der wunderbar gezeichneten Atmosphäre. Die unter der flirrenden Hitze liegende Kleinstadt ist weit mehr als Kulisse und wird zum strukturellen Bestandteil des Buches. Die tagsüber vorherrschende allgemeine Trägheit ist förmlich zu greifen; erst mit einsetzender Dämmerung erwacht die Stadt zu neuem Leben, das Café füllt sich und der Vorhang geht erneut auf. Und das alles in einer unvergleichlich sanften Sprache voller Melancholie und Bedachtsamkeit, die McCullers so eigen ist und sie in meinen Augen in eine Reihe mit William Faulkner oder Tennessee Williams stellt.

Was bleibt?

Nur wenige beschwören die Magie der Südstaaten so eindrucksvoll wie McCullers. In präzisen, knappen Sätzen voll flüchtiger Poesie entsteht ein Bild, das länger reicht als dieses zu kurze Buch. Die sommerliche Lethargie, die alles durchdringende Schwermütigkeit und die Einsamkeit der Charaktere werden zu einer Erinnerung an ein Buch, dem man viele Leser wünscht.



Bibliographische Angaben

McCullers, Carson: Die Ballade vom traurigen Café (Original: The Ballade of the Sad Cafe). Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Schnack. Erstmals erschienen 1951.

Taschenbuchausgabe: Diogenes. 128 Seiten. ISBN 978-3-257-20142-0.

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