Rezensionen

Marlantes, Karl: Matterhorn

„Apocalypse Now“ und „Full Metal Jacket“ sind für mich Meisterwerke, die das Potential ihres Mediums nahezu vollständig ausnutzten, um den Schrecken Vietnamkrieg zu verarbeiten. Ich habe lange nach einer literarischen Entsprechung gesucht – bei „Matterhorn“ bin ich fündig geworden.



Der erste Satz
Mellas stand unter den grauen Monsunwolken auf dem schmalen Streifen gerodeten Geländes zwischen dem Rand des Dschungels und der relativen Sicherheit des Stacheldrahtverhaus.

Karl Marlantes hat am eigenen Leib erfahren, worüber er heute schreibt. Herausgekommen nach 30 (!) Jahren Schreibarbeit ist ein Buch, das den Krieg weder verteufelt, noch verherrlicht, sondern einfach nur berichtet, wie es war. Was es bedeutet, im durchgeweichten Dreck zu hausen, Angst vor dem immer nächsten Tag haben zu müssen, von Blutegeln ausgesaugt und von unfähigen Offizieren in aussichtslose Gefechte geschickt zu werden. Marlantes legt dabei einen unheldenhaften und realistischen Naturalismus an den Tag, der die Dinge schonungslos beim Namen nennt. Zu stinken beginnende Leichen gefallener Kameraden und Durchfallattacken im Gefecht sind eben nicht heroisch, aber real.

Hauptfigur ist der frisch von der Offiziersschule eingetroffene Second Lieutenant Waino Mellas. Ebenso wie Marlantes unterbricht er die Ausbildung am Elitecollege und meldet sich freiwillig zu den Marines. Offiziell treibt ihn dazu die Verantwortungsübernahme für sein Land; insgeheim hofft er auf die karrierefördernde Wirkung einiger Auszeichnungen. Wenig überraschend ist, dass man als Leser an der Soldat- und Mannwerdung von Mellas teilhaben darf. Überraschend ist mehr, was die Handvoll geschildernden Monate Krieg mit einem Mann anstellen. Anfangs ein Greenhorn, der jedes seiner Worte in Gegenwart seiner Vorgesetzten abwägt, um einen guten Eindruck zu machen und der dennoch, oder gerade deswegen, seine Überforderung verrät. Das ist auch von einem Zivilisten nachvollziehbar. Wie dann dieser Mellas zu einem Mann wird, dem an seinem eigenen Wohlergehen und Überleben nichts mehr liegt, wenn er durch sein Opfer seine Kameraden retten könnte, ist aus meiner Lebenserfahrung nicht mehr erklärbar. Wo Erklärungen nicht lieferbar sind, wird anderenorts gerne auf patriotische Überhöhungen zurückgegriffen. Nicht so in Matterhorn. Jeder Funken Heldenmythos wird durch menschliche Schwächen direkt im Keim erstickt.

Er sehnte sich danach, auf Spähtrupp zu gehen, zurück in die Reinheit und grüne Vitalität des Dschungels, wo der Tod als Teil des geordneten Zyklus, in dem er sich ereignete, einen Sinn gab, bei der leidenschaftslosen Suche nach Nahrung, die den Verlust von Leben mit sich brachte, um Leben zu erhalten. (…) Der Dschungel und der Tod waren das einzig Reine im Krieg.

Herausgekommen sind dabei neben Mellas nicht zwangsläufig sympathische, aber auch keine überzeichneten Charaktere. Natürlich trifft man auch hier auf die typischen Klischees: den Cowboy, den Prediger, den Versager. Wahrscheinlich muss das auch so sein, weil jede Gruppe diese Rollen immer wieder neu vergibt. Hinter diesen Rollenbildern ist aber auch immer noch soviel Mensch erkennbar, dass die Glaubwürdigkeit nicht leidet. Der extreme Realismus mit seinem Militärjargon und den endlosen Wartezeiten auf den nächsten Einsatz trägt dazu erheblich bei. Hier wird nichts gekürzt und zugeschnitten, um Spannung zu erzeugen, sondern vom Krieg berichtet. Dazu gehören auch die unter der Oberfläche schwelenden und immer wieder aufflammenden Rassenkonflikte innerhalb der Truppe. Mit großer Vehemenz wird da ein Aspekt des Vietnamkriegs erzählt, der oft genug zugunsten einer angeblich rassenüberschreitenden Kameradschaft ausgeklammert wird.

Dieses Buch strahlt pure Authentizität aus. Dabei bleibt es dennoch Fiktion, wie Marlantes immer wieder betont. Das stellt den Leser vor die Frage, was zu glauben und was als Romanplot zu verwerfen ist. Man ist geneigt, den absurden Befehl, eine selbst errichtete und aufgegebene Artilleriestellung erneut verlustreich zu stürmen, ins Reich der Fiktion zu verfrachten. Man hofft, dass in der Realität nicht aus purem Karrierekalkül kämpfende Truppen tagelang ohne Verpflegung im Stich gelassen werden. Es bleiben Zweifel.

Keine Zweifel bleiben hinsichtlich des allgegenwärtigen Leids. Der ständige Kampf gegen Hunger und faulende Gliedmaßen wird ebenso unprätentiös geschildert wie die entsetzliche Verstümmelung im Kampf und der Tod sorgsam aufgebauter Charaktere. Wer überlebt, rechnet mit seinem Ableben bei nächster Gelegenheit. Happy End ausgeschlossen.

Was bleibt?

Matterhorn ist ein zutiefst existenzialistisches Buch. Was bleibt von einem Menschen übrig, der der Schutzschicht der Zivilisation und der Befriedigung seiner Grundbedürfnisse beraubt wurde? Marlantes beantwort diese Frage mit einem nicht versiegendem Humanismus, der Hoffnung hinterlässt.



Bibliographische Angaben

Marlantes, Karl: Matterhorn. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Erstmals erschienen 2009.

Taschenbuchausgabe: Heyne. 672 Seiten. ISBN 978-3-453-67657-2.

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