Rezensionen

Littell, Jonathan: Die Wohlgesinnten

„Die Wohlgesinnten“ war das literarische Ereignis 2006 in Frankreich. Der Autor – bislang unbekannt. Das Sujet – nicht weniger als die Schuld des Einzelnen im Nationalsozialismus. Der Preis – der Prix Goncourt. Die Kritiker überschlugen sich vor Anerkennung. Nicht so das deutsche Feuilleton. Mit dem Erscheinen der Übersetzung hierzulande in 2008 wurde kaum noch an gutes Haar an Littell und seinem Mammutwerk gelassen. Grund genug also, dies einmal zu überprüfen.



Der erste Satz
Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist.

Ich habe mich gesträubt vor dieser Rezension. 1.400 monströse Seiten liegen hinter mir, die mich teilweise sehr nah an meine auszuhaltende Grenze geführt haben. Wie soll man das Gelesene einordnen, in Worte fassen und vielleicht sogar jemandem noch dabei ans Herz legen? Und das, wo zahlreiche großartige Feuilletonisten in sprachlich grandiosen Essays dem Buch jeden tieferen Bedeutungsgehalt abgesprochen haben? Gerade deshalb versuche ich es. Weil Die Wohlgesinnten trotz aller Anfeindungen bemerkenswerte Literatur ist, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Damit steht es freilich nicht allein. Es gibt hervorragende, aufrüttelnde Bücher, die den Schrecken und die Gräuel des Dritten Reiches auf beklemmende Art und Weise literarisch aufarbeiten. Imre Kertész’ Roman eines Schicksallosen ist so ein Buch; Jorge Semprùns Was für ein schöner Sonntag auch. Diesen – und vielen anderen – gemein ist die Darstellung der erlittenen Ungeheuerlichkeiten aus der Perspektive der Opfer. Littell dreht die Perspektive um und beleuchtet das Innenleben der Täter – wenn zugegebenermaßen auch nicht als erster und einziger.

Er erdenkt dazu SS-Offizier Aue, der sich verstörenderweise nicht in das Raster der sonst üblichen Klischees vom SS-Monster einordnen und wegschließen lässt. Aue ist vielschichtiger. Er ist gebildet, mit formvollendeten Manieren ausgestattet, frankophil, schwul noch dazu. Aue fühlt sich angewidert von der intellektuellen Schlichtheit seiner Gesinnungsgenossen, der Derbheit und Primitivität der gemeinen Landser allemal. Für Menschen wie ihn ergeben sich hervorragende Karrieremöglichkeiten; innerhalb kürzester Zeit steigt er zum Obersturmbannführer auf. Dazu muss er mitmachen, mitmorden, zum Menschenrechtsverletzer werden. Täte er dies aus reinem Kalkül, aber mit dem Leiden und dem Wissen ob der Unmenschlichkeit, wäre er als Person greifbarer. Aber so einfach ist das nicht. Aue ist vom menschenverachtenden nationalsozialistischen Gedankengut so indoktriniert, dass er zwar durchaus mit seinen Opfern mitfühlt und sie als Menschen wahrnimmt, aber gleichzeitig fühlt er sich einer Notwendigkeit verpflichtet, die ihn jeder Eigenverantwortung enthebt.

Töten war schrecklich; die Reaktion der Offiziere zeigte es deutlich, auch wenn nicht alle Konsequenzen aus ihrer eigenen Reaktion zogen; und wer es nicht schrecklich fand zu töten, einen Mann, sei er bewaffnet oder nicht, zu töten, eine Frau und ihr Kind, der war nicht besser als ein Tier, undwürdig, einer Gemeinschaft von Männern anzugehören. Aber vielleicht war auch dieses Schreckliche notwendig; und in diesem Falle galt es, sich dieser Notwendigkeit zu unterwerfen.

Also ist Aue doch das nationalsozialistische Monster, das jede Gemeinsamkeit mit uns heute vermissen lässt? Die Wohlgesinnten wäre leichter zu verdauen, wenn dem der Fall wäre. Littell beschreibt zwar nicht wie ein promovierter Jurist der menschenfeindlichen Ideologie verfällt, aber er zeigt, wie schmal danach der Grat zum Täter ist. Die dabei einsetzenden Was-wäre-wenn-Gedankenspiele beim Lesen sind aufwühlend, schmerzhaft und damit umso wertvoller. Die enthobene Position des aufgeklärten und aller Schuld befreiten Lesers gerät mehr als einmal gefährlich ins Wanken. Littell macht mich zum Mitwisser, gar zum Komplizen. Ich bin als Leser dabei, wenn in der Ukraine die Säuberungen nüchtern als unzufriedenstellend ineffizient eingestuft werden; ich bin dabei, wenn in Stalingrad jede Form der Mitmenschlichkeit krepiert; und ich bin dabei, wenn Auschwitz vor allem zum logistischen Problem verkommt.

Grafhorsts SS-Männer waren ziemlich jung und ließen seit Beginn der Exekution eine gewisse Erregung erkennen. Wütend brüllte Häfner einen von ihnen an, der bei jeder Salve seine Waffe einem freiwilligen Soldaten überließ und ganz bleich zur Seite trat. Außerdem gab es zu viele ungenaue Schüsse, was zu einem erheblichen Problem wurde.

Zur Steigerung der Authentizität malträtiert Littell den Leser mit Abkürzungen und Militär-Jargon, die einen eigenen Anhang benötigen, um sich in ihnen zurecht zu finden. Daneben lässt er eine ganze Reihe von realen NS-Größen auftreten – Eichmann, Himmler, Heydrich und Konsorten. Das ist größtenteils sauber recherchiert aber selbstredend mit einer gewissen künstlerischen Freiheit ausgestaltet. Gerade daran entzündete sich ein Hauptteil der deutschen Kritik. Darf man so Kriegsverbrecher instrumentalisieren und Leben einhauchen? Und was ist mit der Glaubwürdigkeit von Aue? War ein solcher Charakter denkbar oder entspringt er nur dem Wunsch des Autors nach größtmöglicher Provokation? Das ist sicher nicht leicht zu beantworten aber letztendlich ist für mich diese Frage auch nicht relevant. Entscheidend ist doch das gedankliche Bild, das Aue beim Leser entstehen lässt. Und das ist vor allem eines – unbequem!

Unbequem ist auch die Sprache, der sich Littell bedient. Gefällig wird über die Endlösung parliert, bürokratisierend der Mangel an Eisenbahnwaggons beklagt und kopfschüttelnd die Kriegsverbrechen der anrückenden Roten Armee verurteilt. Das liest sich flüssig herunter und verursacht damit Schuldempfinden. Fast befreiend die Sprache, wenn es in die existenzialistischen Niederungen der menschlichen Natur geht. Littell schreibt in diesen Passagen drastisch ehrlich und verschleiert nichts – Blut, Sperma und Fäkalien werden beim Namen genannt und kommen in rauen Mengen vor. Zimperlich darf man da nicht sein. Zumindest verliert Aue in diesen Passagen seine Ambivalenz und wird zum Tier, so dass ich mich als Leser entspannt zurücklehnen und mich endlich wieder moralisch erhoben fühlen kann.

Was bleibt?

Es ist bereits eine Weile vergangen, seit ich Die Wohlgesinnten gelesen habe. Vieles ist in der Erinnerung verblasst; das Gefühl, dabei gewesen zu sein jedoch nicht. Selbstverständlich hat das Buch seine Mängel und auch Längen, aber über die sehe ich bei dieser Grenzerfahrung mehr als gerne hinweg. Die Wohlgesinnten ist für mich zu dem Buch geworden, das die menschenverachtende Katastrophe des Nationalsozialismus am ehesten erlebbar macht. Das macht es für mich ungeheuer lesenswert und damit zur Pflichtlektüre.



Bibliographische Angaben

Littell, Jonathan: Die Wohlgesinnten (Original: Les Bienveillantes). Aus dem Französischen von Hainer Kober. Erstmals erschienen 2006.

Taschenbuchausgabe: Berlin Verlag. 1.392 Seiten. ISBN 978-3-8333-0628-0.

  1. Hallo Stefan,
    ich habe über Janine von Kaprizioes zu dir gefunden und freue mich immer Blogs von männlichen Buchbloggern zu entdecken. Das schwarz-weiße Design gefällt mir sehr gut.
    Danke für die starke Rezension zu „Die Wohlgesinnten“, da kann ich dir in allen Punkten zustimmen, auch wenn die Lektüre bei mir inzwischen ziemlich lange her ist. Aber du hast Recht: eines der Bücher, die auch lange nach dem Lesen noch in Erinnerung bleiben (so wie einige weitere von dir hier besprochenen).
    Ich folge dir mal per twitter, auch wenn da immer einiges an mir vorbei geht, da ich dort nich so regelmäig unterwegs bin.
    Herzliche Grüße
    Thomas

    • Hallo Thomas,

      wie schön, dass Dir mein Konzept gefällt. Es erfordert hier und da Selbstdisziplinierung aber ich hab es ja so gewollt 🙂

      Und ich habe „Die Wohlgesinnten“ geliebt. Es gibt Bücher, die durchfluten Dich mit Emotionen wenn Du sie im Regal stehen siehst und das ist definitiv eines davon! Ich hatte daher immer auf einen zweiten Littell gehofft, der mir ähnlich nahe gehen könnte aber irgendwie überzeugte es mich nicht mehr so.

      Wie dem auch sein – ich freue mich, dass Dir mein Blog gefällt und ich hoffe, dass ich Dir in meinen übrigen und künftigen Beiträgen das eine oder andere Dir noch unbekannte Buch empfehlen kann.

      Gruß
      Stefan

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