Rezensionen

Kracht, Christian: Imperium

Romane über die deutsche Kolonialzeit sind rar. Besonders, wenn diese nicht als Historienroman daherkommen, sondern als erfrischend lockere Aussteigerstory aus dem wilhelminischen Zeitalter. Sicherlich ein Experiment, das nicht zwangsläufig gut gehen muss, aber in diesem Fall mehr als gelungen ist!


Der erste Satz
Unter den langen weißen Wolken, unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, da war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zum Mittag, und ein malaiischer Boy schritt sanftfüßig und leise das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamem Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück wieder eingeschlafen waren.

Deutschland zu Beginn des letzten Jahrhunderts war ein schwieriger Ort für einen praktizierenden Nudisten und Vegetarier. War man dann noch überzeugter Kokovore, blieb einem nur die Auswanderung. August Engelhardt war von der Vollkommenheit, ja der gottgesegneten Vorrangstellung der Kokosnuss über alle anderen Nahrungsmittel überzeugt. Konsequenterweise emigrierte er nach Deutsch-Neuguinea, erwarb eine Insel mitsamt Kokosplantage und gründete den Sonnenorden, um seine Ideen missionarisch zu verbreiten.

In Imperium mischen sich historisch verbürgte Realität mit Fiktion. Kracht zeichnet in Grundzügen die komisch-tragische Aussteigergeschichte nach und lässt ebenfalls historisch belegte Personen die Bühne betreten, weicht aber beizeiten von der Geschichte zugunsten seiner Story ab. Und Kracht hat einiges zu erzählen. Engelhardt ist ihm nur Mittel zum Zweck, ein harmloser Ritter von der traurigen Gestalt, der slapstick-artig durch das Seifenblasengebilde der deutschen Schutzgebiete stolpert. Voll kolonialem Sendungsbewusstsein werden die Segnungen des wilhelminischen Militärstaats den Einwohnern vorgeführt, wenngleich die weißen Herren sich nicht ganz zu einer Teilung der Vorzüge mit den Einheimischen durchringen können. Statt dessen bleibt man lieber unter sich und versucht voller Deutschtümelei ein halbwegs annehmbares Leben am Äquator zu führen.

Kracht geht über ein reines Beschreiben hinaus und rekonstruiert die Zeit durch die Sprache. Mutig und konsequent bedient er sich am Repertoire des klassisches Abenteuerromans und haucht einem abgeschlossen geglaubtem Genre neues Leben ein. Aus jedem Satz quillt heiterer und unerschöpflicher Zukunftsglaube und Zivilisationsstreben. Der Preis für diese Authentizität ist die allgegenwärtige und mehr als fade Beimischung überkommenen Gedankenguts. Herrenrassendenken offenbart sich nicht nur bei den deutschstämmigen Bewohnern, sondern manifestiert sich auch in der Haltung des Erzählers. Dem Spiegel war dies Grund genug, Imperium mit rechtsgerichtetem Gedankengut gleichzusetzen.

Nun, in diese Zeit fällt diese Chronik, und will man sie erzählen, so muß auch die Zukunft im Auge behalten werden, denn dieser Bericht spielt ganz am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, welches ja bis zur knappen Hälfte seiner Laufzeit so aussah, als würde es das Jahrhundert der Deutschen werden, das Jahrhundert, in dem Deutschland seinen rechtmäßigen Ehren- und Vorsitzplatz an der Weltentischrunde einnehmen würde, und es wiederum aus der Warte des nur wenige Menschenjahre alten, neuen Jahrhunderts durchaus auch so erschien.

Wie bei den meisten Texten entsteht deren Einordnung jedoch weniger durch den Text als vielmehr durch den Leser. Persönlich habe ich Imperium als eine grandiose Parodie auf das wilhelminische Zeitalter gelesen. Alle Macht- und Vormachtansprüche der Kolonialherren werden konterkariert durch die Figur Engelhardts, dem ähnlich des noch in der deutschen Geschichte folgenden Vegetariers die Kontrolle über seinen Sonnenorden mehr und mehr entgleitet. Jedes zivilisatorische Sendungsstreben wird ad absurdum geführt angesichts der fortschreitenden Verrohung und Hinwendung zur Barbarei, die anders als in der Geschichte für Engelhardt jedoch ein glimpfliches Ende nimmt.

Kracht ist zu verdanken, dass diese schwere Thematik nicht schwer daherkommt, sondern federleicht. Entspannt und sich seiner Stilmittel absolut sicher, fabuliert er über die Freuden und noch mehr Leiden in den Schutzgebieten – die wertvollen Bücher wellen sich bei der Luftfeuchtigkeit, das Klavier ist aus dem gleichen Grund ständig verstimmt und die Herrenmenschen schwitzen und werden von Ungeziefer gepiesackt. In der Summe ergibt das herrlich abstruses und karikierendes Bild der deutschen Gesellschaft zur Kaiserzeit, die voller Verblendung in die kommenden Katastrophen laufen sollte.

Was bleibt?

Imperium hinterlässt beim Lesen sicher gespaltene Gefühle. Ganz beiläufig entwickelt Kracht einen Grundtenor, der ob seines Herrenrassedenkens mehr als befremdlich daherkommt. Nun muss man sich entscheiden, wie man das auffassen möchte. Ich habe mich für die bedenkenlose Lesart entschieden und genoss Imperium als eine moderne Variante von Klaus Manns Der Untertan. Sicherlich ist es kein Buch, das große innere Anteilnahme auslöst. Dafür aber ein Buch, das von seiner Fremdartigkeit lebt und mich ab der ersten Seite mit einer Sprache fasziniert hat, die nach einer Zeit schmeckt, als die weißen Flecken auf der Landkarte noch größer waren. Alles in allem wunderbar eingängige Literatur, die nach einem Lesen in der Sonne schreit.



Bibliographische Angaben

Kracht, Christian: Imperium. Erstmals erschienen 2013.

Taschenbuchausgabe: Fischer Verlage. 256 Seiten. 978-3-596-18535-1.

  1. Huhu,

    ich finde ja die deutsche Kolonialzeit ein sehr interessantes Thema. Generell mag ich den Beginn des 20. Jahrhunderts, es war einfach eine faszinierende Zeit. Imperium klingt auf jeden Fall sehr interessant. Danke für deine Rezension 🙂

    LG
    Lena

    • Liebe Lena,

      ich habe auch eine Schwäche für Erzählungen aus der Zeit, als die Welt noch nicht so zusammengerückt war wie sie heute ist. T.C. Boyles „Wassermusik“ und natürlich Conrads „Herz der Finsternis“ sind da meine absoluten Lieblinge. Aber Kracht hat da mit „Imperium“ ein kleines Juwel geschaffen, das mich mehr als überrascht hat! Es würde Dich sicher nicht enttäuschen!

      LG
      Stefan

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