Rezensionen

Hedaya, Yael: Alles bestens

Zu manchen Nationen findet man literarisch einfach keinen Zugang. Mir ging das mit Israel so. Weder Amos Oz noch David Grossman konnte ich bislang über mehrere hundert Seiten ertragen. Das ist umso unbefriedigender als Israel seit jeher eine Faszination auf mich auswirkt, die bislang nicht durch reale oder fiktive Erlebnisse gestillt wurde. Es war also Zeit für einen Neuversuch und Hedayas neuestes Buch kam da gerade recht.


Der erste Satz
Kurz nachdem er gegangen war, geschah etwas Merkwürdiges: Hunderte schwarzer Vögel flogen aus dem Nirgendwo herbei, stürzten sich auf die alte Palme vor meinem Haus und vertilgten die Datteln, die in Büscheln herabhingen – die Datteln, von denen er gesagt hatte, man müsse sie herunterholen, weil das dem Baum nicht guttue, sie würden ihn belasten, ihn erdrücken und langsam, aber sicher umbringen.

Die Liebe als Buchmotiv ist ein sehr dankbares Sujet. Jeder kennt sie, viele vermissen sie und nicht wenige Glückliche können sie sich bewahren. Kurzum – sie geht jeden etwas an und jeder begegnet einem Buch über sie mit seinem ureigenen Erfahrungsschatz. Bücher über die Liebe sind auch dankbar, weil man keine großen Ansprüche an die Handlung stellt. Komplizierte Plots mit ausgetüfteltem Spannungsbogen? Geschenkt! Geschichten über die Liebe sind als Literatur oder Film so allgegenwärtig und bereits tausendfach konsumiert, dass man ihnen über die Handlung kaum noch Neues abringen kann. Das enthebt den Schriftsteller hinsichtlich der Story so manchem Kreativitätsdruck. Gute Geschichten über die Liebe leben stattdessen von der erzeugten Stimmung, den kleinen Details, in die man sich versenken kann und der Nachvollziehbarkeit erzählter Gefühle. Das hinzubekommen, ist ungleich schwerer. Hedaya kann das.

Ich wusste ganz genau, dass es zwei Sorten Frauen gab auf dieser Welt: solche, um die man sich irgendwie immer kümmern will, und andere, bei denen das nicht der Fall ist. Ich wusste, dass ich zur zweiten Sorte gehörte, und das machte mich plötzlich traurig. Ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit –  höchstens ein oder zwei Jahre -, dann würden Nathan und Sigall eines schönen Sommerabends auf einem mit Heu beladenen Wagen, vor den ein bunt geschmückter Gaul gespannt war, zu ihrer Hochzeitszeremonie fahren, die unter freiem Himmel vor dem Speisesaal ihres Kibbuz irgendwo im Norden stattfinden würde. Und ich wusste: „die Andere“, das bin ich.

Alles bestens ist keine individuelle Liebesgeschichte, sondern ein Buch über verschiedene Arten der Liebe. Die erkaltete Liebe am Beispiel der Eltern von Maja, der Ich-Erzählerin. Die vertraute Liebe, die naiv genug als selbstverständlich angenommen wird am Beispiel des allgegenwärtig nervig-verliebten Pärchens aus dem Freundeskreis. Und schließlich die hoffnungslose, weil nicht erwiderte Liebe von Maja zu Nathan, der sich den Luxus einer Wochen- und einer Wochenendbeziehung leistet und keine Veranlassung und keinen Mut zu einer Entscheidung sieht. Dass das auf Dauer nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand und so beginnt Alles bestens gleich mit dem unausweichlichen Ende, in dem sich Maja von Nathan trennt. Eine solche Erzählkonstruktion – sowohl hinsichtlich des vorweggenommenen Endes als auch der Fokussierung auf verschiedene Personen – birgt die Gefahr in sich, dass die Struktur die emotionale Atmosphäre überlagert und sich als selbst auferlegten Rahmen verselbständigt. Leider verliert auch Hedaya ihre Erzählerin in verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen aus dem Auge. Dann muss es wieder rasend schnell gehen, um entstandene Knoten aufzulösen und die Geschichte zum Ende bzw. Anfang voranzutreiben. Dass ich mich als Leser in diesen holprigen Passagen ebenfalls zurückgelassen fühle, liegt auf der Hand.

Was also hat mich an Alles bestens dennoch gefesselt? Eindeutig Hedayas Gespür für die zarten Zwischentöne, die in mir immer wieder den Vergleich mit Diane Brasseur aufzwangen. Hedaya hat die Fähigkeit, jeden einzelnen flüchtigen Moment auf seine Essenz zu verdichten und das Gefühl von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit zugleich beim Lesen entstehen zu lassen. Ebenso wie Brasseur widmet sich Hedaya diesen kleinen fragilen Augenblicken mit dem Wissen, dass sich in diesen nicht weniger als das Leben an sich vollzieht. Dies zu wissen ist das Eine, glücklicherweise verfügt sie aber auch über die künstlerischen Mittel, um sich Ausdruck zu verleihen.

Natürlich nutzt auch Hedaya ihr Thema zur Stellung der sich daraus ergebenden Sinnfragen. Wieviel Selbsttäuschung ist ertragbar, wenn man sich dadurch seine Unbeschwertheit bewahren kann? Ist eine Beziehung lebenswert, die man größtenteils um ihretwillen und weniger um den Partner führt? Das sind zweifelsohne nette Einschübe, die jedoch zu oft in Kalendersprüchen gipfeln. Bedeutend interessanter und lesenswerter sind die feinen Charakterzeichnungen, mit denen Hedaya ihren Figuren Konturen – wenn auch nicht Sympathie – abringt. Gerade Maja weist eine erstaunliche Tiefe auf. Man nähert sich ihr, ohne sie jedoch in ihrer Gänze erfassen zu können. Trotz aller Offenbarungen verbleibt eine Distanz, die unüberbrückbar erscheint und Maja mit der Aura der Unnahbaren umgibt. Sympathisch ist das nicht, aber wahnsinnig glaubhaft erzählt.

Was bleibt?

Ich habe das Buch einer jüdischen Schriftstellerin gelesen aber leider nichts über Israel gelernt. Hedaya betont zwar, dass Nathan typische Eigenschaften eines jüdischen Mannes trage, die ihn von Geschlechtsgenossen anderer Nationen abhebt, aber lesend nachvollziehbar ist das nicht. Stattdessen habe ich einiges über die kleinen unscheinbaren Handlungen und Momente gelernt, aus denen sich das Leben zusammenfügt. Momente, in denen Entscheidungen getroffen werden, die unwiderruflich sind. Momente, in denen man handeln müsste und es dennoch nicht tut. Momente, in denen man etwas sagen müsste und in denen Sprachlosigkeit herrscht. Wer dies literarisch nachempfinden möchte, ist bei Hedaya sehr gut aufgehoben.



Bibliographische Angaben

Hedaya, Yael: Alles bestens (Original: Mis’chak ha’oscher). Aus dem Hebräischen von Ruth Melcer. Erstmals erschienen 1997.

Taschenbuchausgabe: Diogenes. 160 Seiten. ISBN 978-3-257-30014-7.


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