Rezensionen

Handke, Peter: Nachmittag eines Schriftstellers

Wer träumt nicht davon Bücher zu schreiben, zu veröffentlichen? Bekanntheit und Anerkennung zu ernten? Talent allein reicht dazu freilich nicht aus. Schreiben ist Handwerk und erfordert wie jede schöpferische Tätigkeit in erster Linie Disziplin und Konsequenz. Wie sich das anfühlt, habe ich bei Handke nachgelesen.


Der erste Satz
Seit er einmal, fast ein Jahr lang, mit der Vorstellung gelebt hatte, die Sprache verloren zu haben, war für den Schriftsteller ein jeder Satz, den er aufschrieb und bei dem er noch dazu den Ruck der möglichen Fortsetzung spürte, ein Ereignis geworden.

Handke zu lesen erfordert die unbedingte Einlassung auf eine rigorose Langsamkeit und Bedachtheit. Kein Wort, kein Satzzeichen steht einfach nur so da, sondern wurde sorgfältig ausgewählt und gesetzt. Jedem Satz spürt man das Ringen um die Richtigkeit an, die Selbstzweifel und die Überwindung, ihn für die Ewigkeit stehen zu lassen. Seine Texte beschreiben nicht die Wirklichkeitswelt im Sinne einer Illustration, vielmehr werden durch die Sprache Bilder beschworen, die die Realität beim Leseprozess erfahrbar machen. Das klingt alles furchtbar anstrengend und das ist es sicherlich teilweise auch, aber in seinen besten Werken wird man dafür mit intensiv erlebten Einsichten belohnt – sofern man ihm zustimmt. Ich bin mir nicht sicher, ob Nachmittag eines Schriftstellers zu seinen besten Büchern gezählt werden sollte. Mit Sicherheit ist es allerdings sein privatestes und intimstes Buch.

Der Titel fasst den Inhalt bereits zusammen. Der namenlose Schriftsteller hat sich für die Phase des intensiven Schaffens zurückgezogen. Vormittags wird geschrieben, nachmittags wird dem Geschriebenen nachgefühlt. Stellvertretend für alle anderen greift Handke einen einzigen Nachmittag im Dezember heraus und erzählt diesen. Handke erhebt dessen Ereignislosigkeit zum Inhalt und widmet sich einzig den Gedanken des Schriftstellers bei seinem Spaziergang vom Stadtzentrum in die Peripherie.

Das Besondere an diesem Buch ist die Ehrlichkeit mit der Handke sein Innerstes offen legt. Die Sätze fließen spürbar nicht einfach aus ihm heraus, sondern lassen die zugrunde liegende Arbeit durchscheinen. Die zu erschaffende literarische Wirklichkeit musste erst in ihm entstehen, ihr musste Gehör geschenkt werden und schließlich mussten Sätze gefunden werden, die diese zu formen imstande sind. Mit Talent allein ist das nicht zu bewerkstelligen. Feinsinnigkeit ist da gefordert, Leidensfähigkeit und Opferbereitschaft auch. Vom Preis für dieses Schaffen ist in Nachmittag eines Schriftstellers zu lesen.

Schon indem ich, vor wievielen Jahren nun?, mich absonderte und beiseiteging, um zu schreiben, habe ich meine Niederlage als Gesellschaftsmensch einbekannt; habe ich mich ausgeschlossen von den andern auf Lebenszeit. Mag ich auch bis zum Ende hier unterm Volk sitzen, begrüßt, umarmt, eingeweiht in seine Geheimnisse – ich werde doch nie dazugehören.

Im Buch wird die ambivalente Einstellung Handkes gegenüber der Öffentlichkeit deutlich. Einerseits erfordert die Einsamkeit und Abgeschiedenheit des Schreibprozesses einen entsprechenden Ausgleich durch die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Andererseits herrscht aber auch die ständige Angst vor einem damit einhergehenden Rechtfertigungsdruck vor. Handke ist sich der Masse der Ignoranten, der Neider und der Gehässigen bewusst. Er möchte, dass sein Werk nachempfunden, nicht analysiert und bewertet wird. Auch dies ein Grund für seine zunehmende Abkehr vom Kulturbetrieb. Statt dessen schreibt er einzig für den Leser, der seine Bilder zu sehen imstande ist. Ein fast allzu naiver Wunsch.

Insgesamt nutzt Handke die kurze Erzählung, um sich zu positionieren und seine Haltung auszustellen. Einem solchen Anliegen darf und sollte man immer kritisch begegnen, begünstigt es doch die Überbetonung der als mitteilungswert erachteten Ansichten und die Verschleierung entgegengesetzter Charakterzüge. Nachmittag eines Schriftstellers ist ein Buch, das ohne Zweifel die Grundeinstellung Handkes gegenüber dem Schreiben und seiner Rolle als Schreibendem widerspiegelt. Doch trotz dieser Offenheit fehlt das Impulsive und Zornige, das ihn zum gefürchteten Interviewgast machte. Das ist zwar aus meiner Sicht bedauerlich, trübt aber dennoch nicht den Gesamteindruck. Auch mit der teilweise widersprüchlichen personalen Einheit zwischen Autor und Protagonisten ergibt sich ein lange andauernder Eindruck davon, was es heißt, Schriftsteller zu sein.

Was bleibt?

Handke bedient sich seit jeher virtuos der Sprache. Nachmittag eines Schriftstellers ist da keine Ausnahme. Jedes Wort und jeder Satz steht unverrückbar an seinem Platz und erzeugt Bilder, die die Einsamkeit und Selbstzweifel des Schreibenden tatsächlich erfahrbar machen. Ob man Handke in seinen Ansichten folgt oder nicht – es eröffnet sich ein faszinierender Blick über die Schulter in den kreativen Schaffensprozess von Literatur. Für mich ein Grund, dieses Buch jedem Literaturliebenden ans Herz zu legen.



Bibliographische Angaben

Handke, Peter: Nachmittag eines Schriftstellers. Erstmals erschienen 1987.

Taschenbuchausgabe: Suhrkamp. 91 Seiten. ISBN 978-3-518-38168-7.

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