Rezensionen

Greene, Graham: Der stille Amerikaner

Fast möchte man Greene hellseherische Fähigkeiten unterstellen. Mit einer scharfen Parabel seziert er die (Ohn-) Machtverhältnisse in Vietnam zur Zeit des bröckelnden französischen Einflusses und sagt die steigende Einflussnahme der USA voraus – und das vor der sich erst deutlich später abzeichnenden militärischen Zuspitzung im zweiten Vietnamkrieg.


Der erste Satz
Nach dem Abendessen saß ich in meinem Zimmer über der Rue Catinat und wartete auf Pyle.

Der stille Amerikaner versucht euch zu täuschen. Ganz konventionell kommt er daher, als Liebes- und Leidensgeschichte einer klassisch komplizierten Dreiecksbeziehung getarnt. Harmlos, vielleicht sogar belanglos, sollte man denken. Aber weit gefehlt! Auf einer zweiten Ebene spannt Greene die kosmopolitische Gemengelage in Indochina vor dem Zusammenbruch des französischen Kolonialreiches auf. Weit entfernt von einem oberflächlichen Romanze-Krimi-Agententhriller geht Greene aufs Ganze und analysiert messerscharf den tiefgreifenden Umbruch, der das südostasiatische Land zunächst zerreißen und erst sehr viel später wieder zusammenführen sollte. Gekonnt wird dafür aus dem Zeitgeschehen heraus eine Liebesgeschichte konstruiert, die ihre wahre Tiefe erst bei einer Deutung in einem größeren Rahmen offenbart.

Die gesamte Handlung ist im Wesentlichen um die drei Hauptpersonen angelegt: den alternden Briten Fowler, den jungen Amerikaner Pyle und die schöne Vietnamesin Phuong. Fowler ist ein Relikt der Kolonialzeit. Dem Opium, Alkohol und der bezaubernden Exotik der einheimischen Frauen zugetan, berichtet er als Auslandskorrespondent über den ausweglosen Versuch der Franzosen, ihren Einfluss in Südostasien zu bewahren. Seine nach außen getragene Neutralität offenbart sich auf dem zweiten Blick vor allem als ein Schutz vor Verantwortungsübernahme und als Ausrede für seine selbstgewählte Lethargie. Pyle hingegen ist das genaue Gegenteil – voller Naivität und Ideale betritt er Saigon und will das Land reformieren. Seine Tätigkeit als Mitarbeiter des Handelsattachés dient freilich nur der Tarnung; tatsächlich unterstützt er als CIA-Agent den Untergrundkampf der Nationalisten um General Thé und schreckt in seinem Sendungsbewusstsein auch vor zivilen Opfern nicht zurück.

„Bleib heute nacht lieber hier“, sagte ich. Sie nickte, nahm die Nadel wieder zur Hand und begann das Opium zu erhitzen. In dieser Nacht erwachte ich aus einer jener Perioden tiefen Opiumschlafs, die nur zehn Minuten dauern und dennoch den Eindruck einer vollen Nachtruhe hinterlassen, und bemerkte, daß meine Hand dort lag, wo sie nachts immer gelegen hatte: zwischen ihren Beinen. Sie schlief, und ihr Atem war kaum zu hören.

Beide Männer buhlen um dieselbe Frau. Während Fowler fern von jeder Leidenschaft am Fortbestand des Dämmerzustands seiner Beziehung zu Phuong gelegen ist, bildet Pyle auch in dieser Hinsicht das andere Extrem. Kurz nach dem ersten Kennenlernen gesteht er Phuong seine Liebe, drängt auf ein Gentlemen’s Agreement mit Fowler und hofft auf eine baldige Hochzeit. Phuong weist in diesem Ringen eine erstaunliche Wechselhaftigkeit auf und gewährt ihre Gunst aus rein sachlicher Berechnung dem jeweils Nützlicherem. Im bereits angesprochenen größeren Kontext repräsentiert die unromantische Bequemlichkeit Fowlers das Klammern des alten Europas an die sich auflösende Zeit der Kolonialreiche. Unfähig zur Anpassung an eine sich wandelnde Welt verharren die einstigen Imperialmächte in starrem Besitzdenken und verschließen die Augen vor den sich vollziehenden Veränderungen. Die USA als junge aufstrebende Nation hat das Machtvakuum und die sich daraus ergebende Chance erkannt und drängt in die schwelenden Konflikte herein um sich als dritte Kraft zu etablieren. Das vietnamesische Volk indes lässt ebenso wie Phuong das Werben um sich teilnahmslos geschehen, spielt beizeiten beide Seiten gegen einander aus und wartet ansonsten geduldig auf seine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben.

Hier war ein Autor mit einer klaren Idee am Werk. Doch ein gutes Konzept für ein Buch ist noch lange kein Garant für ein gutes Buch, sondern verhindert es in vielen Fällen sogar. Um es kurz zu machen: Der stille Amerikaner überzeugt auch abseits der innewohnenden Deutungsmöglichkeiten sowohl auf dramaturgischer als auch auf atmosphärischer Ebene. Letztere lebt vor allem von den starken Bildern, die Greene beschreibt. Ob es das stundenlange nächtliche Ausharren in einem Reisfeld inmitten von feindlichen Kräften oder das allabendliche Dinner im Gesandtenkreis auf der Terrasse des „Continental“ ist – Greene versteht es, in einer einfachen direkten Sprache jede Situation zum Leben zu erwecken. Dass Greene darüber hinaus mehr Fragen beim Leser aufwirft als selber zu beantworten und so zur weiteren Auseinandersetzung anregt, zeugt von hoher literarischer Kunst.

Was bleibt?
Im Gesamteindruck bleibt zwar über allem der konzeptuelle Ansatz haften, die Erinnerungen an ein schwülheißes Saigon und das verzweifelte Bedürfnis nach menschlicher Nähe fernab der Heimat gehen darüber jedoch nicht verloren. Die strukturelle Verknüpfung von Politik und Liebe verleiht dem Buch eine ganz besondere Dichte, die länger anhält, als es zunächst den Anschein hat.



Bibliographische Angaben

Greene, Graham: Der stille Amerikaner (Original: The Quiet American). Aus dem Englischen von Walter Puchwein und Käthe Springer. Erstmals erschienen 1955.

Taschenbuchausgabe: dtv. 240 Seiten. ISBN 978-3-423-13129-2.

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