Rezensionen

Ellis, Bret Easton: American Psycho

Ich hatte nie den Film gesehen, so dass „American Psycho“ in meiner Vorstellung diffus als Skandal- und Splatterbuch herumwaberte, von dem ich mir nicht sicher war, ob ich das wirklich lesen wollte. Bret Easton Ellis muss man aber doch einmal gelesen haben, dachte ich mir und griff zu. Es war eine gute Entscheidung, wenngleich dem Leser viel zugemutet wird.



Der erste Satz
„Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren“ ist in blutroten Lettern auf die Wand der Chemical Bank an der Ecke Eleventh und First geschmiert, so groß, dass man es auch vom Rücksitz des Taxis aus erkennen kann, das sich im Verkehr aus der Wall Street vorarbeitet, und eben als Timothy Price die Schrift bemerkt, schiebt sich ein Bus neben uns, und eine Seitenwerbung für Les Miserables versperrt den Blick, aber Price, sechsundzwanzig und Pierce & Pierce, scheint das nicht zu kümmern, denn er verspricht dem Fahrer fünf Dollar, wenn er das Radio lauter stellt, „Be My Baby“ auf WYNN, und der Fahrer, ein Schwarzer, kein Amerikaner, macht es.

Jeder, der angesichts des Klappentextes einen Thriller à la Nesbø und Konsorten erwartet, wird das Buch nach den ersten 100 Seiten enttäuscht zur Seite legen. Wer seinen Roman mit einem Zitat aus Dantes Göttlicher Komödie beginnen lässt, hat Größeres vor. Man kann nun geteilter Meinung sein, ob es so groß geworden ist, außergewöhnlich ist es allemal. Ellis verfolgt vom ersten Satz an mit dem rigorosen Verzicht auf eine Story ein Konzept, das ich so konsequent nur noch in Ulysses gesehen habe. An dieser Stelle hören die Gemeinsamkeiten selbstverständlich schon wieder auf. Denn wo Joyce ein literarisches Meisterstück konstruiert hat, möchte Ellis mit dem Fehlen einer Handlung vor allem eins: zu gegebener Zeit schockieren.

Doch bis dahin dauert es. In aller Akribie wird Batemans Alltag bis in Kleinste seziert: angefangen bei der morgendlichen Körperpflege (auf vier Seiten!) über das Fitnessprogramm nach der Arbeit bis zum allabendlichen Dinner. Heraus kommt dabei das Bild eines zutiefst oberflächlichen Lebensstils im Umkreis der Wall Street, bei dem bereits am frühen Mittag die Koordination der umfangreichen abendlichen Verpflichtungen im Mittelpunkt steht und am frühen Abend die verzweifelte Suche nach dem nächsten Kokaindealer. Menschlichen Beziehungen wird kein Wert beigemessen; was wirklich zählt, sind Statussymbole: die getragenen Mode-Labels, das Limit der Kreditkarte, die Papiergüte der Visitenkarte. Bateman beherrscht dieses Spiel des Blendens und Ausstechens perfekt. Aber es fordert auch seinen Preis! Wie seine Mitspieler ist er zum Erfolg und ständigen Angesagt-Sein verdammt. Nachlässigkeiten beim Kleidungsstil oder eine nicht adäquate Solariumbräune sind ein unverzeihlicher Fauxpas. Die Wahl eines falschen Restaurants oder noch schlimmer – die Blamage, im aktuellen In-Restaurant keine Reservierung zu bekommen, wird zur unauslöschbaren Katastrophe.

Bateman kompensiert dieses Leben in der Leere, dieses Fehlen jeglicher Gefühle durch extreme Gewalt. Aus einer spontanen Laune heraus vergeht er sich an Obdachlosen, lebt seine sexuellen Neigungen mit Prostituierten oder Abendbekanntschaften aus und foltert, verstümmelt und ermordet sie anschließend auf bestialischste Weise. Ohne an dieser Stelle ins Detail gehen zu wollen, sei hier eine deutliche Warnung ausgesprochen. Etwas brutaleres und perverseres habe ich bislang nicht gelesen. Ellis verlangt einiges vom Leser ab, bedient sich dabei aber der gleichen nüchternen und akkuraten Sprache wie zur Beschreibung der neuesten Hi-Fi-Technik. So ist es ein Leichtes, nach dem Geschehen wieder zur Tagesordnung zurückzukehren. Der nächste Morgen beginnt wie jeder andere, es stören halt nur ein paar herumliegende Körperteile.

Hier und jetzt in diesem Büro frage ich mich, wie lange wohl eine Leiche brauchen würde, um just hier im Büro zu verwesen. Das sind die Dinge, über die ich nachgrübele, während ich im Büro vor mich hin träume: Rippchen essen im Red, Hot & Blue in Washington, D.C. Ob ich mein Shampoo wechseln soll. Was ist das wirklich beste Pils? Ist Bill Robinson als Designer überschätzt? Was ist faul bei IBM? Totaler Luxus. (…) Der Scheißkerl trägt den gleichen leinenen Armani-Anzug wie ich. Wie einfach es wäre, diesem Scheißer seinen goldenen Humor auszutreiben.

Es ist erschreckend, wie zunehmend normal die immer mal wieder durchbrechende Gewalt im weiteren Verlauf wird. Ellis stumpft den Leser ab, bis Batemans Wechselspiel zu etwas beinahe Akzeptiertem geworden ist. Und genau das macht American Psycho für mich so lesenswert. Es erfolgt keine Anklage des Psychopathen, sondern die Anklage einer Gesellschaft, die ihn zulässt. Ein ums andere Mal verwischen die beiden Lebenswelten miteinander. Aus einer vorübergehenden Gefühlsschwäche oder einem Anflug von Reue oder schlichter Müdigkeit teilt Bateman sich seinen Mitmenschen mit. Er spricht über seine Lust aufs Morden und Ausbluten lassen, seinem Anwalt gesteht er gar alles, doch alles ohne Konsequenzen. Es wird hingenommen oder gleich ignoriert, weil es ohne Belang ist für die wirklich wichtigen Dinge im Leben: Anerkennung im Job, ein volles Bankkonto und einen gestählten Körper.

Was bleibt?

American Psycho ist nicht leicht zu verdauen. Die beschriebene Konsumwelt der 1990er Jahre erscheint mit heutigem Blick nahezu anrührend nostalgisch und dennoch wird ein Monstrum wie Bateman bereits von ihr gebilligt. Bei der allerorts fortschreitenden Gleichgültigkeit gegenüber Mitmenschen und der Aufweichung überkommener Tabus wirft dies ein verstörendes Bild auf die aktuelle Beschaffenheit der Mitmenschlichkeit in den westlichen Konsumgesellschaften.



Bibliographische Angaben

Ellis, Bret Easton: American Psycho. Aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Erstmals erschienen 1991.

Taschenbuchausgabe: Kiepenheuer & Witsch. 560 Seiten. ISBN 978-3-462-03699-2.

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