Rezensionen

Braslavsky, Emma: Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen

Ich blogge noch nicht sehr lange und dazu sehr unregelmäßig. Von daher war die Freude groß, von Suhrkamp eingeladen zu werden, mich am aktuellen Verlagsprogramm zu bedienen. Emma Braslavsky? Nie gehört. Dann noch dieser sperrige Titel. Egal – ich bekomm es geschenkt. Da kann man schon mal zu Büchern greifen, die man sich ansonsten nicht kaufen würde.


Der erste Satz
Mit Daumen und Zeigefinger zieht Jivan behutsam ein rötliches Schamhaar vom Hemdärmel und untersucht es im Licht der Abendsonne.

Wir sind in der Zukunft. In einer Zukunft, die mit der Gegenwart so große Ähnlichkeiten aufweist, um nicht allzu weit entfernt zu sein aber doch utopisch/dystopisch genug ist, um die notwendige zeitliche Distanz herzustellen. Die Welt ist noch verrückter geworden. Zehn Milliarden Menschen tummeln sich mittlerweile auf ihr und Berlusconi ist wieder Ministerpräsident Italiens. Die sexuelle Selbstbestimmung von Giraffen ist ein heißes Eisen. Banken erfinden neue Geschäftsmodelle abseits vom Kerngeschäft, um nicht abermals durch staatliche Hilfen gerettet werden zu müssen. Alles wie immer? Zum Teil! Die Angst vor dem ökologischen Kollaps hat Umweltorganisationen massiv finanzielle Unterstützung und damit politische Macht eingebracht. Deren Global Player buhlen um Mitglieder und Publicity – Einfluss wird wichtiger als „die Sache“. Splittergruppen organisieren sich und agieren in Guerilla-Aktionen. Das ist zwar alles noch nicht passiert aber es ist liegt so schrecklich nah im Bereich des Möglichen und Wahrscheinlichen – schöne neue Welt.

Kein Tier hat so hohe Erwartungen an sich selbst wie der Mensch. Kein Tier ist enttäuscht über seine eigene Natur, weil kein Tier sich Illusionen darüber macht. Der Mensch will glauben, er hätte noch Chancen, die richtige Antwort auf die große Frage zu bekommen: Was machen wir hier?

Ein solch turbolentes Setting birgt stets die Gefahr, dass die Phantasie des Autors sich überschlägt und das Buch in eine Aufzählung von technischen Gimmicks und Anekdoten abflacht. Braslavsky ist da weitaus gewiefter und umschifft jede Seichtheit, indem sie ihrem Roman drei Hauptfiguren einpflanzt, die eben nicht nur das Leben in der Zukunft illustrieren, sondern echte Konturen aufweisen. Da ist zum Einen das Ehepaar Jivan und Jo. Er Architekt von unterirdischen Bunkeranlagen und spielsüchtig, sie taffe Karrierefrau bei wechselnden Umweltorganisationen. Er Fleischesser und sexbesessen, sie hippe Fair-Trade-Veganerin und Teilzeit-Zölibatärin. Das ist der Stoff aus dem eheliche Tragödien gestrickt sind. Und zum Anderen die Noch-nicht-ganz-Erwachsene Roana. Von ihrem Vater am Fuß eines Vulkans ausgesetzt, um über ihre Zukunft zu meditieren, stolpert sie mehr oder weniger planlos durch verschiedene Subkulturen, die doch alle nur die Welt verbessern wollen – Enttäuschungen über die eigene adoleszente Naivität sind da vorprogrammiert.

Als eigentliche Hauptfigur dient jedoch eine Insel. Von einem Jahrhundertorkan ans Tageslicht befördert, hat noch kein Mensch sie je betreten und so weckt sie natürlich alsbald Begehrlichkeiten. Alle Großmächte erheben Anspruch auf sie und können von der UNO nur schwer in Zaum gehalten werden. Kriegsschiffe werden in Stellung gebracht und von Kreuzfahrtschiffen sensationsgierig beäugt. Das multimediale Beglotzen des Säbelrasselns erinnert an die TV-Tage des Wartens von einst vor dem „Desert Storm“.

Eine Stimme im Film sagte, für die meisten Menschen ist es schon selbstverständlich, dass eine irgendwie geartete Minderheit Macht über eine Mehrheit ausübt. Ich fragte mich allerdings, ob das jetzt daran liegt, dass sie normal sind oder auch bloß Psychos, elende Selbstquäler, die geil werden, wenn jemand mit der Peitsche vor ihnen steht, deshalb haben sie auch keinen Bock, Macht auf andere auszuüben. Master and Slaves? Sadisten und Masochisten? Ist das nicht das ganz natürliche Kräfteverhältnis, läuft’s nicht so überall im Universum?

Schon dieser nur rudimentäre Abriss der Handlung ist schnell – Braslavsky schreibt noch sehr viel schneller! Die Seiten fliegen dahin, die Geschehnisse überschlagen sich und am Ende steuert alles in die absehbare Katastrophe. Hinter all dem Tempo und Humor lauert aber noch eine zweite Erzählebene, die es in sich hat. Das Auftauchen der Insel bietet die Chance zu einem Neustart, zu einem Bessermachen. Die Erde im Ganzen zu retten, erscheint ein hoffnungsloses Unterfangen. Aber im Kleinen – das könnte funktionieren. Der Traum von einem weißen Flecken auf der Landkarte, einem unberührten Paradies ist so verführerisch wie einfach. Braslavksy befeuert dieses Gedankenspiel aufs Beste. Und sie bietet auch eine Lösung für das zutiefst menschliche Dilemma, dass einzelne gut gemeinte Handlungen in ihrer Summe meist im Chaos enden – einfach mal die eigenen Eitelkeiten beiseite schieben und an das kollektive Wohl denken. Wäre das nicht schön?

Was bleibt?

Ich mochte Roana – besonders am Anfang -, Jivan teilweise, Jo mochte ich nie. Eine solch klare Verteilung von Zu- und Abneigungen gegenüber Romanfiguren empfinde ich selten. Braslavsky versteht es, ihre Figuren klar voneinander abzugrenzen und ihnen über die Sprache und verschiedene Jargons Charakter zu verleihen. Was bei anderen bemüht wirkt, beherrscht sie meisterlich. Das ist selten und schön zu lesen.



Bibliographische Angaben

Braslavsky, Emma: Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen. Erstmals erschienen 2016.

Gebundene Ausgabe: Suhrkamp. 462 Seiten. ISBN 978-3-518-42544-2.


Empfehlenswerte Rezensionen aus der Blogosphäre

Zeilensprünge

Buchrevier

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: