Rezensionen

Boyle, T.C.: Grün ist die Hoffnung

Als Anhänger T.C. Boyles’ hat man ein Luxusproblem – er schreibt einfach zu viel! Kaum ein Jahr geht ins Land ohne Neuerscheinung. Wie soll man als Leser mit notorisch zu knapp bemessener Lesezeit da Schritt halten, geschweige denn sich dem noch unbekannten Frühwerk widmen? Höchste Zeit also, bewusst nicht up-to-date zu sein, sondern den ersten Schaffensjahren einen dringend notwendigen Besuch abzustatten.


Der erste Satz
Ich hab nie was zu Ende gebracht.

Gute Schriftsteller erkennt man unter anderem daran, dass sie nicht viele Romanfiguren brauchen, um blendend zu unterhalten. Boyle ist in dieser Hinsicht ein sehr guter Schriftsteller. Man nehme drei mehr oder weniger stark abgehalfterte Freunde, einen Strippenzieher im Hintergrund, eine Handvoll Rednecks, einen Bösewicht und eine hoffnungsvolle Liebe. Dazu gibt man geweckte Hoffnungen, zerstört diese beizeiten und schaut anschließend zu, wie sich die menschliche Natur von selbst entfaltet. Fertig ist ein großartiger Roman. Ist es wirklich so einfach? Natürlich nicht.

Felix, 30 Jahre alt und – am schmeichelhaftesten ausgedrückt – Lebenskünstler von Beruf, bekommt ein unmoralisches Angebot. In der kalifornischen Wildnis soll eine Marihuana-Plantage entstehen. Nur ein paar Monate harte Arbeit und nach der Ernte winkt eine halbe Million Dollar an Entschädigung. Kinderleicht! Gemeinsam mit zwei Freunden zieht er in die Berge und lernt auf die harte Tour, was Arbeit, Entbehrungen und Angst sind. Weiter auf die Handlung einzugehen, verbietet sich bei Boyle wie von selbst. Man darf jedoch sicher sein – wie geplant läuft es zu keiner Zeit.

Abgeschnitten von jeder nennenswerten Zivilisation sind die Möchtegern-Botaniker auf sich allein gestellt und den Unwillen der umgehenden und menschlichen Natur ausgeliefert. Dabei bilden die unzugänglichen Wälder Mendocino Countys eine Naturbühne par excellence für das sich bietende Schauspiel. Die Grenzen der Handlungsumgebung sind klar gesteckt und lassen das Geschehen wie ein Freiluftdiorama erscheinen. Daneben sorgt eine wenig schattierende Schwarz/Weiß-Zeichnung für Eindeutigkeit in der Charakteranlage. Das mag man bedauern, erhöht aber das Tempo um ein Vielfaches. Die Ereignisse steigern und überschlagen sich, so dass Grün ist die Hoffnung einen wunderbaren Film abgeben würde. Spannende, komische und innehaltende Momente sind ausbalanciert und werden in szenengerechten Happen präsentiert.

Aus dieser hohen Unterhaltsamkeit mangelnden Tiefgang zu schließen, wäre jedoch grundlegend falsch. Es ist faszinierend zu erleben, welche charakterliche Transformation Felix vollzieht. Die ersten erlittenen Enttäuschungen provozieren das bekannte verinnerlichte Grundschema – Abbruch und Flucht in die Bequemlichkeit. Aber Felix hält stand! Er stellt sich seinem Muster und erhebt das Projekt zur individuellen Charakter- und Reifungsfrage. Und Boyle schont ihn nicht. Schicht um Hoffnungsschicht werden Felix entfernt, bis am Ende Selbstachtung als letzter Motivator verbleibt. Und natürlich die Liebe.

„Ich weiß, was du meinst“, sagte sie fast unhörbar, senkte den Kopf und zeichnete mit dem Finger das Muster der Decke nach. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich durchschaute, dass sie ebenso wie Vogelsang wusste, warum ich in Willits war. Lügen erzeugen Lügen, dachte ich – jetzt ist der Augenblick, reinen Tisch zu machen, damit die Beziehung nicht von Anfang an Schlagseite hat. Aber ich brachte es nicht fertig. Ich schaffte es nicht. Ich wollte gerade noch mehr sagen, mich noch tiefer hineinreiten, als sie ihren Becher hob und sagte: „Prost.“

Grün ist die Hoffnung ist aber auch ein Buch, das das verfassungsmäßig eingeräumte Streben nach Freiheit und Glück in den USA thematisiert. Welches Recht auf Selbstverwirklung hat der Einzelne, wenn es dem Konsens der gesellschaftlichen Normierung entgegensteht? Oder anders ausgedrückt: Sind Verbrechen bis zu einem gewissen Grad legitimierbar, wenn der Gesellschaft nur mittelbar ein Schaden entsteht und der Kriminelle eigentlich ein ganz guter Kerl ist? Boyle hat sich viel später in Hart auf hart an diesem Thema rigoroser und aus meiner Sicht gekonnter abgearbeitet. Grün ist die Hoffnung wirkt unter diesem Aspekt noch undifferenziert und verbleibt vielerorts vage. Wer mit Boyle weniger vertraut ist, wird das jedoch nicht auffallen; allen anderen bietet sich damit die Chance, bereits Gelesenem in seiner Entstehungsgeschichte nachzuspüren.

Was bleibt?

Grün ist die Hoffnung ist sicherlich nicht Boyles bestes Buch und auch sicher nicht mein Lieblingsbuch. Aber es erweitert den Blick auf einen Schriftsteller, der zu den Größten seiner Zunft zu zählen ist. Spätere großartige Bücher speisen sich aus diesem und nehmen Ansätze auf, die in Grün ist die Hoffnung nur ansatzweise aufblitzen. Doch auch neben all diesen anstellbaren und aufschlussreichen Vergleichen ist es einfach ein gutes Buch voller Tragik, Humor und Tempo. Dazu noch eines, das die nordkalifornische Natur so zum Leben erweckt, dass man über viele Seiten mitgenießt und vor allem mitleidet. Absolut lesens- und erlebenswert!



Bibliographische Angaben

Boyle, T.C.: Grün ist die Hoffnung (Original: Budding Prospects). Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Erstmals erschienen 1984.

Gebundene Ausgabe: Hanser Verlag. 384 Seiten. ISBN 978-3-446-24594-5.


Empfehlenswerte Rezensionen aus der Blogosphäre

Kaffeehaussitzer

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: