Rezensionen

Böttcher, Jan: Y

Selbstbewusst wird „Y“ auf dem Backcover als „großer europäischer Roman“ vom Verlag angepriesen. Wenn es jedoch allein danach ginge, fiele jede Auswahl beim Bücherkauf noch schwerer als ohnehin bereits. Viel überzeugender war die Tatsache, dass der Kosovo bislang als weißer Fleck auf meiner literarischen Landkarte galt. Das musste geändert werden.


Der erste Satz
Für mich beginnt diese Geschichte mit dem Sommerabend, an dem mein Sohn Benji seine Angewohnheit fallenließ, im Wohnzimmer zu erscheinen und uns eine gute Nacht zu wünschen.

Schon der erste Satz enthält viel von der Atmosphäre, die der erste Teil von Y verbreitet. Ein namenloser Ich-Erzähler plaudert über seine Schwierigkeiten, seinem Sohn beim Heranwachsen zu begleiten. Man ist in Berlin. Alle sind hip, sehr entspannt und wahnsinnig verständnisvoll. Dazu passt, dass sich Benjis Freund Lenka mehr oder weniger von selbst einquartiert. Da wundert man sich als Vater schon; Fragen stellt man aber des lieben Friedens willen besser nicht.

Als Lenka schließlich wie vom Erdboden verschwindet, macht sich der Erzähler auf die Suche nach ihm und begegnet dabei seinem Vater. Jakob Schütte designt Computerspiele und ist und bleibt vor allem eines – unnahbar. Lenkas Mutter ist daheim im Kosovo und Lenka erstmal weiterhin verschwunden. Für die weitere Handlung ist er auch nicht weiter wichtig. Denn jetzt wird erst einmal die Liebes- und Trennungsgeschichte von Jakob und Arjeta erzählt. Als ob eine multikulturelle Beziehung nicht schon schwierig genug ist, bricht auch noch der Kosovokrieg aus und verkompliziert die Dinge zusätzlich. Arjetas Familie – in Deutschland nie heimisch geworden – gerät hierzulande in den Konflikt hinein und wendet Deutschland schließlich den Rücken zu. Das alles liest sich vordergründig sehr gefällig herunter. Doch mehr als einmal habe ich das Buch sinken lassen müssen, um die eine oder andere Passage gedanklich zu durchdringen.

Kosova 1999 war dagegen realpolitisch nicht mehr als ein Militärstützpunkt gewesen, ein Stück Geopolitik, es hatte eine Lage – und sonst nichts zu bieten, was der internationalen Gemeinschaft zum Vorteil gereichen konnte.

Mit der Rückkehr ins kriegszerstörte Pristina offenbaren sich jedoch zunehmend deutliche strukturelle Schwächen. Mehr und mehr Handlungsebenen werden aufgemacht, deren Zusammenfassung mir selbst in dieser Beschreibung schwerfallen bzw. sogar unnötig erscheinen. Die Erzählperspektive wechselt hin und her. Der Ich-Erzähler bereist mit Benji den Kosovo – warum? – und kommt Arjeta näher. Jakob ist immer wieder mal vor Ort, versucht zu helfen und lässt sich dabei nur zu seinem Durchbruch als Computerspieleproduzent inspirieren. Das klingt nicht nur zusammenfassend konfus, sondern leider auch beim aufmerksamen Lesen. Böttcher muss sich hier den Vorwurf gefallen lassen, dass er deutlich zu bemüht und konstruiert möglichst viele Facetten der Nachkriegszeit erzählen wollte. Weniger wäre hier wieder einmal deutlich prägnanter gewesen.

Aber dieser Beitrag soll kein Verriss werden, weil Y einen solchen nicht verdient hat. Es hat seine Stärken, die besonders zu Beginn und am Ende deutlich werden. Hier arbeitet Böttcher ganz wunderbar und feinsinnig die Klippen heraus, die Jakob und Arjeta bedrohen und an denen ihre Beziehung schließlich auch zerschellt. In sehr schönen leichten Sätzen wird die zwischenmenschliche Problematik in all ihrer Unausweichlichkeit zugespitzt und wieder aufgelöst. Als Leser kann ich jedes einzelne dieser zerbrechlichen Bilder sehen und mich damit identifizieren. Das ist großartig. Das gilt auch für die sehr glaubhafte Charakterzeichnung Jakobs. Anfangs noch sehr blass, gewinnt er rasch an Konturen und entwickelt sich zu einem sehr einprägsamen Protagonisten.

Mir war klargeworden, dass er sich nirgendwo so wohl fühlte wie im Büro. Und was von den meisten Vertretern unserer Generation Freelance nur behauptet wird, galt für Jakob Schütte wirklich: Freizeit konnte sich nicht auf einem niedrigeren Energielevel abspielen als Arbeit. Lieber provozierte er seine Mitmenschen, als dass er sich auch nur eine halbe Stunde unter ihnen langweilte. (…) Vielleicht war er gerade deshalb ein Spieler geworden, dachte ich, weil er es nicht aushalten konnte. auch mal nur dazusitzen und zu schwätzen (…).

Beachtlich sind auch die Passagen, in denen der Erzähler von Jakobs Kosovo-Computerspiel berichtet. Die virtuelle Spielrealität wird dabei zum Erzählgegenstand; Gespieltes gleichrangig neben tatsächlich Erlebtes gestellt. Eine solche Aufwertung von Computerspielen als erzählenswerter Kunstform habe ich bislang nicht gelesen. Dies kann man sicherlich kontrovers diskutieren, persönlich halte ich das für längst überfällig. Y lebt von genau diesen brillanten Versatzstücken, die die sonstigen Mängel überstrahlen und mich das Buch so in guter Erinnerung behalten lassen werden.

Was bleibt?

Y hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Dürftige Passagen wechseln sich mit großartigen ab. Abgesehen von den bereits thematisierten Stärken wird mir Y allerdings auch aufgrund der Darstellung des Nachkriegs-Kosovo als zeitgeschichtlichem Provisorium im Gedächtnis haften bleiben. Sicherlich bemüht, aber deshalb nicht weniger eindringlich stellt Böttcher mehr als einmal die Nachhaltigkeit und die Motivation der Völkergemeinschaft und zahlreichen NGOs beim Wiederaufbau in Frage. Lesenswert!



Bibliographische Angaben

Böttcher, Jan: Y. Erstmals erschienen 2016.

Gebundene Ausgabe: Aufbau Verlag. 255 Seiten. ISBN 978-3-351-03640-9.

Dank an den Aufbau Verlag für die Zurverfügungstellung eines Rezensionsexemplars.

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