Rezensionen

Böll, Heinrich: Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Bölls Erzählung, erschienen 1974, ist ohne Zweifel ein Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur. Nun haftet nur jedem dieser Klassiker der fade Beigeschmack des „verordneten Lesens“ an. Aus diesem Grund habe ich es auch lange in den Regalen der Buchhandlungen stehen lassen. Glücklicherweise überwog irgendwann dann doch die Neugier – ich hätte eine medienpolitische Streitschrift verpasst, die leider nichts an Aktualität verloren hat.


Der erste Satz
Für den folgenden Bericht gibt es einige Neben- und drei Hauptquellen, die hier am Anfang einmal genannt, dann aber nicht mehr erwähnt werden.

Es gibt Bücher, die muss man mit dem Wissen um die Entstehungsgeschichte lesen: Die verlorene Ehre der Katharina Blum gehört eindeutig in diese Kategorie. Nach seinem Essay Will Ulrike Gnade oder freies Geleit? (Der Spiegel vom 10.01.1972) sah sich Böll in die gesinnungsfreundliche Nähe zur Roten Armee Fraktion (RAF) gerückt und einer beispiellosen medialen Hetzkampagne ausgesetzt. Angestrebt hatte er eine rein inhaltliche und um Emotionen befreite Auseinandersetzung mit der RAF, die zu einer Entspannung in der öffentlichen Wahrnehmung beitragen sollte. Das allein machte ihn in den Augen konservativer Kreise bereits zum Sympathisanten. Verschlimmert kam seine schallende Kritik an der reißerischen und verfälschenden Berichterstattung der Bild hinzu. Die ohnehin schon vorhandene öffentliche Wahrnehmung als latent Linksradikalem wurde durch die folgenden Bild-Artikel zu einer öffentlichkeitswirksamen medialen Geißelung.

Zwei Jahre später erschien Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Eine Erzählung, deren zentraler Inhalt der öffentliche Rufmord der ZEITUNG an einer jungen Frau ist, die schließlich in ihrer Not den dafür verantwortlichen Journalisten erschießt. Böll hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass die fiktiven Praktiken der ZEITUNG mit den tatsächlichen der Bild gleichzusetzen seien. Insofern liegt es nahe, sein Buch als Revanche für die Anfeindungen zu lesen, denen er sich ausgesetzt sah. Dies ist zum Teil sicherlich zutreffend, aber allein auch zu kurz gegriffen.

Als er Freitag früh gegen halb zehn mürrisch zum Frühstück erschien, hielt Trude ihm schon die ZEITUNG entgegen. Katherina auf der Titelseite. Riesenfoto, Riesenlettern. RÄUBERLIEBCHEN KATHERINA BLUM VERWEIGERT AUSSAGE ÜBER HERRENBESUCHE. (…) Dort auf der Rückseite las er dann, daß die ZEITUNG aus seine Äußerung, Katherina sei klug und kühl, „eiskalt und berechnend“ gemacht hatte und aus seiner generellen Äußerung über Kriminalität, daß sie „durchaus eines Verbrechens fähig sei“.

Sehr plastisch, und dabei nahezu klinisch unterkühlt, beschreibt Böll, was ein effekthascherischer Journalismus, der die Massen erreichen und aufbringen will, mit dem betroffenen Opfer anstellt. Mutwillig wird übertrieben, verleumdet und beleidigt, um den Sensationshunger der unkritischen Leserschaft anzustacheln und zu befriedigen. Katharina bleibt als Gebrandmarkte dabei auf der Strecke – ihr bisheriges Leben ist von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt und zerstört. Kopfschüttelnd und voll innerer Wut liest man Passagen, die die angewandten pseudo-journalistischen Methoden anprangern; voller Anteilnahme und Empathie hingegen die beschriebenen Auswirkungen auf das Opfer. Daraus ergibt sich dennoch keine Sympathie. Zu kühl und unnahbar wird Katharina dargestellt. Und so ist denn auch der schlussendliche Mord am Journalisten Tötges zwar zu erklären, aber eben nicht gutzuheißen. Die Böll unterstellten Aufrufe zur Gewalt verpuffen damit in meinen Augen.

Überhaupt bleibt Böll in seinem Schreiben wenig präsent. Sehr berichtend wird geschrieben, Vernehmungsprotokolle werden eingeschoben; dabei ist in jedem Satz das Bemühen um eine möglichst wertungsfreie Formulierung des Geschehenen zu spüren. Im direkten Kontrast dazu stehen die vulgären Entgleisungen in den Verhören und den Artikeln der ZEITUNG. Diese Art der Konstruktion dient Bölls meinungsbildnerischer Intention, die jedoch ausschließlich den Umgang der ZEITUNG mit dem Einzelnen betrifft; eine gleichzeitige Rechtfertigung des linken Terrorismus ist damit nicht gegeben – eine Distanzierung oder Verurteilung freilich auch nicht.

Die verlorene Ehre der Katharina Blum ist mehr Pamphlet als Unterhaltungslektüre. Als letztere eignet sie sich nur begrenzt. Zwar fehlt auch in diesem Buch nicht die atmosphärisch überzeugende Darstellung des sich breit machenden Miefs der 1960er und 1970er Jahre, des Milieus des gepflegten Herrenwitzes und der überaus engen Verflechtungen zwischen Politik, Wirtschaft und Medien. Allerdings liest man das in anderen Romanen von Böll überzeugender und lebendiger – auch wenn der ihm eigene feine Humor zwischen den Zeilen erkennbar bleibt. Dennoch bleibt nach dem Lesen das überzeugende Gefühl zurück, dass man hier ein wichtiges Buch gelesen hat. Das hat man auch nicht immer.

Was bleibt?

Durch die enthobene Perspektive eines Bericht erstattenden Erzählers ist es schwer, Lesemomente zu schaffen, die unter die Haut gehen. Dass Böll dies dennoch gelingt, liegt an der Ungeheuerlichkeit der geschilderten Verleumdungsmaschinerie und der Kettenreaktion, die diese nach sich zieht. Trotz dieses Zielens auf Emotionen ist Die verlorene Ehre der Katharina Blum ein Buch für den Verstand, das sensibel macht für journalistische Machenschaften, die jenseits jeder Moral die grundgesetzliche Pressefreiheit ausnutzen für einen hetzerischen Populismus. Wie unverändert aktuell Bölls Anklage ist, beweist die tägliche Berichterstattung von Bild & Co.



Bibliographische Angaben

Böll, Heinrich: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Erstmals erschienen 1974.

Taschenbuchausgabe: dtv. 160 Seiten. ISBN 978-3-423-01150-1.

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