Meinung

Bloggen bewahrt mich zu schreiben

Weshalb ich zu bloggen begann, habe ich euch bereits hier verraten. Ein ganz wesentlicher Punkt blieb darin allerdings noch unerwähnt – bloggend zu lesen bewahrt mich davor, selber kreativ zu schreiben. Was zunächst paradox klingt, ist für mich angewandter Selbstschutz. Zu groß wäre ansonsten die Versuchung und zu enttäuschend vermutlich das Ergebnis.


Zu Schulzeiten hatte ich eine überbordende Phantasie. Ihr erinnert euch an die Aufsatzthemen, bei denen ihr eurer Kreativität ungehemmt freien Lauf lassen durftet – ich war der, der den Lehrer nach spätestens einer Stunde um mehr Papier zum Beschreiben bat. Ob nun in der Schule oder zum privaten Vergnügen, die Szenen und Figuren flossen nur so aus mir heraus und füllten Unmengen beschriebener Seiten. Jeder Urlaub, jedes Gefühlschaos und jede Sinnkrise verarbeitete ich erzählend oder monologisierend. Im günstigsten Fall bereitete mir das Freude; ansonsten schrieb ich erst recht, weil es dann umso notwendiger war. Mit den Jahren versiegte diese Notwendigkeit. Ich wurde älter und kam im Leben an. Andere Interessen, das Studium, nicht zuletzt der Beruf erhielten einen höheren Stellenwert. Man kann das auf den Reifeprozess schieben oder auch verratene Leidenschaft nennen. Einerlei! Die eigentliche Herausforderung rollte erst noch auf mich zu.

Ich hatte das Schreiben gegen das Lesen eingetauscht. Ich las unaufhörlich, entfernte mich von reiner Unterhaltungsliteratur und lernte großartige Bücher und Autoren schätzen, die meinen Blick auf Literatur veränderten und mich neu eichten. Das inspirierte mich und erst zögerlich und dann umso vehementer keimte in mir der Wunsch auf, selber wieder zu Stift und Papier zu greifen. Es endete im Fiasko. Das jahrelange Lesen hatte mich verdorben. Mein innerer Kritiker war sprachlos und schüttelte nur entsetzt den Kopf. War das mein Ernst? Hatte ich etwa Murakami, Irving, Boyle und Co gelesen, um mich nun damit zufrieden zu geben?

Natürlich wusste ich, dass ich deren literarische Klasse nicht habe und nie haben werde. Andere Menschen können nicht singen und tun es trotzdem – einfach weil es ihnen Freude bereitet. Warum konnte ich das nicht und meine eigene Messlatte niedriger und damit realistischer ansetzen? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten und ich habe bis heute keine abschließende Antwort gefunden. Ein Teil der Wahrheit ist, dass ich dazu neige Dinge entweder ganz oder gar nicht anzugehen. Ein größerer Teil besteht im Stellenwert, den ich Literatur mittlerweile in meinem Leben einräume. Gerade weil ich Literatur so liebe, fällt es mir nahezu unmöglich Freude am Schreiben zu empfinden, wenn mir dabei ständig meine beschränkten Möglichkeiten vor Augen geführt werden. Wie kann man schreiben, wenn man seine Ergebnisse nicht gerne selber liest? Marcel Reich-Ranicki hat einmal sinngemäß geäußert, er empfinde Hochachtung vor jedem, der sich zum Schreiben berufen sieht und es dennoch sein lässt. Da ist etwas Wahres dran. Trotz aller Selbsterkenntnis sagt sich das aber leider leichter als es ist. Die eigene Unzulänglichkeit erkannt zu haben ist das eine, den inneren Wunsch zum Schweigen zu bringen etwas ganz anderes.

Das Dilemma an einem solchen Teufelskreis ist, dass es zunächst keine zufrieden stellende Lösung gibt. Die eine oder andere unruhige Nacht war also vorprogrammiert. Den Königsweg aus dieser Misere fand ich erst durch meinen Blog. Hier kann ich mich voller Aufmerksamkeit und ohne Ablenkung den Büchern widmen, die aus meiner Sicht gelungen sind. Gleichzeitig werde ich, indem ich sie bearbeite, mit dem unvergleichlich befriedigendem Gefühl gelungenen Schreibens belohnt. Ich fühle mich mit der Literaturwelt verbunden und enthebe mich gleichzeitig jedem Vergleichsdruck und innerem Anspruchsdenken. Herrlich! Warum ist mir das nicht früher eingefallen?

  1. Kommt mir alles ziemlich bekannt vor und könnte so fast 1:1 für mich übernommen werden. Und ich bin froh, dass es Dir überhaupt eingefallen ist. Dein Blog ist ne echte Entdeckung!

    • Vielen vielen Dank für Dein tolles Kompliment! Das zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

      Und ich freu mich sehr, dass ich mit meiner Motivation und meinen Gedanken doch nicht ganz allein da stehe!

      Gruß
      Stefan

      • Nein, ich kann das tatsächlich ganz gut nachvollziehen. Und ärgere mich auch ein bisschen, dass ich auf die Idee mit dem eigenen Blog nicht früher gekommen bin. Habe zwar zuvor schon ein paar Jahre für die Internetseite Krimi-Couch geschrieben, aber es doch nicht dasselbe, als wenn man selbst bestimmt, was man wann wie bespricht und online stellt. Und in welchem Rahmen. Insofern habe ich mich da in Deinem Text durchaus wiedergefunden. – Und zu Deinem Blog: Find ich tatsächlich großartig. Sowohl visuell als auch inhaltlich. Hatte anfangs auch geplant, komplett schwarz-weiß zu gestalten (wegen Noir), letztendlich dann doch aber ein paar Grautöne zugelassen. 😉 Die Schnittmengen unsere favorisierten Autoren und Titel sind groß (Vann, Kracht, Auster, Irving, Boyle, Mallantes etc.) Und ich freue mich jedes Mal drauf, was du als nächstes ausgräbst. Weiterhin viel Erfolg und vor allem viel Spaß mit Schwarzaufweiss. Gruß zurück vom Namensvetter 😉

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