Rezensionen

Álvarez, Sergio: 35 Tote

Ich liebe Bücher, die mir beim Lesen die Probleme und Gefühlslage eines Landes näher bringen. Kolumbien ist in dieser Hinsicht trotz der immer mal wieder auftauchenden Präsenz in den Nachrichten ein weißer Fleck auf meiner Landkarte. Entsprechend kurz habe ich gezögert, als ich Álvarez‘ zweiten Roman in der Hand hielt und spürte: Hier will keiner nur eine Geschichte erzählen, hier will dir einer seine Heimat erklären.



Der erste Satz
Botones verübte sein letztes Verbrechen neun Monate nach seinem Tod; zu Lebzeiten tötete dieser Bandit in Kolumbien gut dreihundert arglose Menschen, die den Mut oder das Pech hatten, sich seinem Unwillen, Ehrgeiz oder seinen Waffen auszusetzen.

Meine erste Euphorie nach dem Kauf hielt allerdings nicht lange an. Mittlerweile zwinge ich mich nicht mehr zum Weiterlesen wenn ein Buch und ich nicht auf einer Wellenlänge liegen. 35 Tote war für mich daher nach gut dreißig Seiten erst einmal beendet. Ich konnte mich einfach nicht mit dem Verzicht auf jegliche textliche Gliederung abfinden – Dialoge ohne Anführungszeichen im Fließtext. Schrecklich! Mir fehlte die Geduld. Dann vor einiger Zeit der zweite Versuch. Diesmal gelang es und ich bin sehr froh darüber.

Álvarez lässt seinen namenlosen Protagonisten Mitte der 1960er Jahre in Bogotá zur Welt kommen. Die Mutter starb bei der Geburt, der Vater einige Jahre später am zerbrochenen Herzen. Der Junge kommt in die Fürsorge seiner bis dahin unbekannten Tante und wächst zu einer Zeit auf, in der die bis heute andauernden Kampfhandlungen ihren Anfang nahmen. Die Ohnmacht der kommunistisch-marxistischen Organisationen gegenüber der regierenden Nationalen Front und der regulären Streitkräfte führte schließlich zum Erstarken linksgerichteter Guerillatruppen wie der FARC-EP und der ELN. Als Reaktion auf den linken Terror etablierten sich zahlreiche rechtsgerichtete paramilitärische Einheiten, die teilweise von der Regierung unterstützt wurden. Die Privatarmeen der Drogenkartelle, die Polizei und der allgegenwärtige Inlandsgeheimdienst runden das unübersichtliche Kräfteverhältnis ab. Als Europäer kann man da schon einmal den Überblick verlieren, doch auch den Einheimischen ergeht es angesichts sich ständig wechselnder Fronten und Bündnisse nicht viel anders.

Der Protagonist wird in seiner Jugend zum glühenden Kommunisten erzogen. Dabei sind es weniger die politischen Ideale als vielmehr die ausgelassene Geselligkeit und das ausschweifende Partyleben in der Kommune, die seinen Eifer anfachen. Doch irgendwann ist auch die längste Party vorbei und dank falscher Freunde gerät er rasch auf die schiefe Bahn und träumt alsbald von einer Karriere als Drogendealer. Abermals verschwören sich die Umstände gegen ihn und nach einem kurzen Intermezzo als Soldat und Student gelangt er schließlich zu den ihm ursprünglich verhassten Paramilitärs. Dass das nicht die letzte Station gewesen sein wird, liegt auf der Hand. Wer angesichts der eigentlich unvereinbaren Ideale einen berechnenden Opportunismus erwartet, liegt jedoch grundlegend falsch. Álvarez lässt ihn nicht bewusst auswählen; mit einer grenzenlosen Naivität und Unbedarftheit ausgestattet, lässt er stets andere über sein Schicksal entscheiden und geht den Weg des geringsten Widerstands.

Zukunftssicherung, Wohlstand, politische Überzeugungen – all das kommt und geht in einem Land, in dem nichts sicher ist und noch weniger willentlich beeinflusst werden kann. Was ihn wirklich antreibt, ist die ungebrochene Lust am Leben; sich von Boleros treiben lassen, mit einer schönen Frau sinnlich Salsa tanzen, sich betrinken und bekiffen – das ist die Essenz des Lebens, auf die es ankommt. Neben dem Hauptstrang bindet Álvarez kleine Episoden ein, die das Geschehene aus einer anderen Perspektive wiedergeben oder auch vollständig von der Handlung abgetrennt sind. In der Summe entsteht dadurch ein Panorama der vorherrschenden Gemütslage der kleinen Leute Kolumbiens. Vermeintlich ohne Einfluss werden die politischen Wirrungen hingenommen und mit dem Rückzug in die privaten kleinen Freuden erträglich gestaltet. An was soll man sich auch sonst klammern angesichts der immer weiter zunehmenden Verrohung und Brutalität?

Du bist erwachsen geworden und hast nicht kapiert, wie dieses Land funktioniert. Wie funktioniert es denn?, fragte ich. Mit Toten, Bruder, wer in diesem Land niemanden getötet hat oder hat töten lassen, der hat keine Zukunft. Ich sah ihn erschrocken an. Glaub mir Bruder, hier regiert der Tod, und wer nicht tötet oder töten lässt, ist nichts wert, ist ein Nichts.

Álvarez hat nichts mit dem magischen Realismus eines García Márquez gemein. Direkt und schonungslos wird berichtet anstatt gedichtet. Bei aller geschilderten Gewalt schwingt aber auch eine Leichtigkeit und ein Humor mit, die wunderbar das nicht-unterkriegen-Lassen illustrieren – die jedoch auch zu einer gewissen Distanz zum Protagonisten führen. Zu unglaublich und zu schnell öffnet sich ihm eine neue Tür, sobald eine andere geschlossen wurde. Überhaupt merkt man dem Autor seine hauptberufliche journalistische Arbeit an – vieles wirkt noch unreif und hastig hingeschrieben. Diese kleinen Mängel trüben jedoch nie den Eindruck, dass man hier wieder einmal einen großen Kolumbien-Roman in der Hand hält.

Was bleibt?

35 Tote hinterlässt einen leicht zwiespältigen Eindruck. Auf der einen Seite steht ein ungenannter Ich-Erzähler, der slapstickartig durch die jüngste Geschichte Kolumbiens stolpert und bei mir ab einem gewissen Punkt wenig Anteilnahme erzeugte. Dem gegenüber stehen jedoch auch wundervolle Passagen und in sich geschlossene Episoden, die mich berührt zurückließen. Álvarez schreibt so authentisch und einfühlsam über sein geschundenes Land, dass 35 Tote bei mir Bewunderung für das leidgeprüfte kolumbianische Volk und tiefe Dankbarkeit für die gesicherten Verhältnisse in unserem Land auslöste. Ein schönes Gefühl.



Bibliographische Angaben

Álvarez, Sergio: 35 Tote (Original: 35 muertos). Aus dem Spanischen von Marianne Gareis. Erstmals erschienen 2011.

Taschenbuchausgabe: Suhrkamp. 546 Seiten. ISBN 978-3-518-46460-1.

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